Frank Goosen / Gedanken zur Blitztabelle

Frank Goosen auf der Tribüne des Bochumer Ruhrstadions. Foto: Volker Wiciok

Frank Goosen auf der Tribüne des Bochumer Ruhrstadions. Foto: Volker Wiciok

Fußball – da gibt es Begriffe und Formulierungen, die nur innerhalb dieses närrischen Ballspiels verständlich sind und woanders gar nicht vorkommen. Ich denke da an „Bananenflanke“,Fliegenfänger“, die „Hängende Spitze“, oder aber die „Falsche Neun“. Dann gibt es so beknackte Sachen wie: „Da will er noch Zeit von der Uhr nehmen.“ Der Begriff aber, der mir persönlich besonders auf die Nerven geht, ist „Blitztabelle“. Vor allem am letzten Spieltag, wenn es um Meisterschaft oder Abstieg geht, feiert sie „fröhliche Urständ“. Wobei, um die Meisterschaft geht es ja im deutschen Fußball nicht mehr. Aber die Frage, wer absteigt oder wer in die internationalen Wettbewerbe einzieht, kann bisweilen spannend sein. Da wird dann in der Fernsehübertragung zwischendurch immer wieder die Tabelle eingeblendet, und zwar so, wie sie aussähe, wenn in der 60., 70. oder 85. Minute Schluss wäre. Müssen wir hier wirklich auf den grundlegenden Satz des heiligen Sepp Herberger hinweisen, nach dem ein Spiel 90 Minuten dauert? Oder, aus Hertha BSC Berlin Sicht, so viele wie nötig sind, bis der FC Bayern München wenigstens einen Punkt holt?

Ein Spieler meiner Mannschaft (Anm.: VfL Bochum) hat vor Jahren mal gesagt, jedes Spiel beginne bei 0 : 0 und man habe einen Punkt. Das ist falsch. Wenn du so in ein Spiel gehst, denkst du, du hast etwas, das du verteidigen kannst, und es geht dir nicht mehr darum, etwas zu gewinnen. Als Fan wünsche ich mir, gerade als Anhänger eines vergleichsweise kleinen Vereins, Spieler, die mit der Gewissheit auf den Platz gehen, dass sie nichts haben, gar nichts. Und dieses Nichts soll ihnen auch noch vom Gegner genommen werden!

Deshalb war der FC Schalke 04 2001 auch nicht vier Minuten Deutscher Meister. Denn jeder, der früher gerne Western gesehen hat, weiß: Abgerechnet wird zum Schluss! Heißt aber auch: Es ist völliger Schwachsinn, wenn der TV-Kommentator bei einem Gegentor in der 72. Minute deliriert: „Zu diesem Zeitpunkt war der FC, die Eintracht, der VfL (oder wer auch immer) abgestiegen.„It ain´t over till it´s over“ sang einst Lenny Kravitz aus New York City, oder um es mit den Worten von Oliver Kahn zu sagen: „Weiter, immer weiter!“ Niemals aufgeben steht auf der einen Seite der Medaille. Niemals zufrieden sein auf der anderen.

Jeder Fan kennt die Spiele, in denen sein Verein nach einer halben Stunde gegen einen Abstiegskandidaten 2 : 0 führt und dann glaubt, vielleicht mit dem Bild der Blitztabelle im Kopf, man habe schon etwas erreicht, nur um am Ende 2 : 3 zu verlieren. Die Tabelle, die dann dabei herauskommt, mag nichts Blitzartiges haben, dafür lügt sie nicht, wie man weiß, und die Wahrheit kann schmerzhaft sein. Man redet immer vom Bayern-Dusel, wenn sie kurz vor Schluss noch das entscheidende Tor machen. Wahrscheinlich ist aber in München einfach nur die Blitztabelle verboten.

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Tief im Westen Deutschlands schlägt das Fußballherz blau-weiß. Frank Goosen ist nicht nur ein bekannter Kabarettist und Autor, sondern auch Mitglied im Aufsichtsrat des VfL Bochum von 1848, derzeit im grauen Mittelmaß der 2. Deutschen Bundesliga angesiedelt.

www.frankgoosen.de

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www.vfl-bochum.de

 

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