Elfriede Ott / Eine Phantasie in Ö-Dur

ORF CD_Eine Phantasie in Ö-Dur_von Elfriede Ott_Scan oepb.atUnser Titel muss kurz sein, klar sein, er soll anzeigen, dass das Musikalische eine Rolle spielt, dass es andererseits nicht nur musikalisch ist, er soll das Heitere anzeigen, er soll im Druck wirkungsvoll aussehen. Er soll gut sein.“ Es war, so erinnert sich Elfriede Ott, nicht ganz einfach, einen passenden Namen für jenes literarische Programm zu finden, das sie, unterstützt von Hans Weigel, für einen Vortragsabend am 29. Juni 1965 im Salzburger Mozarteum zusammengestellt hatte.

Doch schließlich war man sich einig: „Phantasie in Ö-Dur“, das war der richtige Titel – ein Titel, der seither zum Markenzeichen geworden ist. Denn der Premiere in Salzburg folgte eine Vielzahl von erfolgreichen Auftritten im In- und Ausland. Das inhaltliche Grundkonzept ist dabei bis heute gleich geblieben: Satirisches, Ironisches und Hintergründiges aus dem großen Repertoire der österreichischen Literatur, dazu Chansons, Arien und Couplets.

In den einzelnen Programmen präsentiert Elfriede Ott dabei immer wieder Neues und stellt Texte und Lieder zeitgenössischer österreichischer Künstler vor: so etwa von den beiden so typisch wienerischen Schriftstellerinnen Christine Nöstlinger und Trude Marzik, von der Komponistin und Sängerin Stefanie Werger, dem Kabarettautor Peter Orthofer und dem Wiener Feuilletonisten Herbert Pirker. Daneben aber gibt es in Elfriede Otts Programmen auch die immer wiederkehrenden „Klassiker in Ö-Dur“. Einer davon ist Peter Hammerschlag (*1902 in Wien, † 1942 im KZ Auschwitz), mit seinen skurrilen Gedichten. Auch die meist kurzen Satiren von Alfred Polgar (* 1873 in Wien, † 1955 in Zürich) mit ihrer subtilen Form des Sprachwitzes und die Couplets und Monologe von Johann Nepomuk Nestroy (* 1801 in Wien, † 1862 in Graz) gehören zum fixen Repertoire von Otts „Phantasien“. Vieles musste sie sich dabei für die ganz spezielle Situation des Solo-Vortrags, bei dem der Künstler viel exponierter ist als auf der Theaterbühne, mühevoll erarbeiten.

„Nestroy. Ich hab ihn mir geholt. Das ist für eine Frau gar nicht so leicht. Der Nestroy ist was Männliches. Der nestroyische Witz ist was Männliches!“, gesteht Elffriede Ott in ihrem Erinnerungsbuch „Phantasie in Ö-Dur“.

Ein Name ist in allen ihren Programmen zu finden – jener ihres 1991 in Maria Enzersdorf verstorbenen Lebens- und Arbeitspartners Hans Weigel (* 1908 in Wien), der Österreich zum Grundthema seiner Bücher gemacht hatte. „Österreich lehrt, dass Ideale am ehesten verwirklicht werden, wo kein Programm sie postuliert, dass hoch über tierischem Ernst der menschliche Spaß steht, dass Negation ebenso schöpferisch sein kann wie Konstruktion, dass der Traum die Wirklichkeit überwinden, dass Sieg Niederlage und Niederlage Sieg sein, dass Spiel die Welt verändern kann.“, schrieb Hans Weigel in seinem wahrscheinlich berühmtesten Buch, dem 1968 erstmals erschienenen „O du mein Österreich“.

In Form einer fiktiven Reise durch die neun Bundesländer versucht er darin, die vielen Schichten der österreichischen Wirklichkeit, in deren verborgenen Winkel einander immer noch die „wirklichen“ und die „unwirklichen“ Hofräte gegenüberstehen, zu ergründen. „Mit diesem Buch hat Hans Weigel eigentlich schon bevor wir uns gekannt haben, die grundlegende Vorarbeit zu unserer gemeinsamen Arbeit geleistet.“, mein Elfriede Ott, die bei fast jedem der Auftritte ein Stück aus „O du mein Österreich“ vorträgt. Weigels Texte sind für sie das beste Beispiel für das, was sie unter „Ö-Dur“ versteht – unter jener ganz eigenen Klangfarbe also, die zu Beginn der langen Geschichte der „Phantasien“ für manche Verwirrung sorgte. In ihrem Buch erinnert sich Elfriede Ott: „Vor der Premiere im Mozarteum in Salzburg, in diesem gesegneten Saal, hat man uns erzählt: Der Sprecher von Radio Salzburg, der bei den Verlautbarungen die Veranstaltung durchgeben sollte, hat sich geweigert, den Titel zu nennen. Mit der Begründung: ,Da rufen dann die Leute an und sagen, die Sprecher sind alle Trottel. Eine Tonart Ö-Dur gibt es ja nicht.“ Und seither gibt es sie.“

Nachdem nun hinlänglich bekannt ist, wie es zu diesem hier geschilderten Titel kam, sei diese in der Edition Radio Literatur des ORF erschienene CD wärmstens empfohlen. „Die Ott“ präsentiert anhand von 21 gesprochenen, teilweise auch gesungene Solo-Arien, sowie Chansons und Vorträgen Humorvolles, typisch Wienerisches, aber natürlich auch echt „Österreichisches“ quasi aus dem Nähkästchen. Es wird uns allen anhand von diesen gut 62 Hör-Minuten wieder einmal der Spiegel vorgehalten. Einen Spiegel darüber, was der typische Österreicher, sofern es diesen überhaupt auch gibt, in Wirklichkeit ist. Das Spezielle an „Eine Phantasie in Ö-Dur“ ist die  artikulatorische Phonetik (die einzigartige Aussprache) die man so in der heutigen Zeit leider gar nicht mehr hört.

Bezeichnend ist das Stück „Tonart: Theater“, das einem Appell für selbiges gleichkommt – und es kommt aus ihrer Kehle so von Herzen, dass es dem Zuhörer eine wahre Freude bereitet!Besonders hörenswert natürlich auch die „Wien-Lektion“ von Hans Weigel – eine Nachhilfestunde in Österreicher-Kunde! Nicht zu vergessen Weigels spitzzüngige Ode über den Missbrauch der deutschen Sprache: „Die Lautverschieber sind unter uns!“ Und das sind nur zwei Stücke aus ihrer liebenswerten Sammlung „Der Weigel sagt:”. “Das Wienerische Alphabet“ von Trude Marzik – ein wortgewaltiges Sammelsurium – in einem Tempo vorgetragen, dass dem Zuhörer beinahe die Luft wegbleibt, auch das kann Elfriede Ott.Dass das Wienerische hier die Tonart angibt ist durchaus erwähnenswert, doch ein Stück erwähnenswerter ist auch Otts Interpretationen von Herbert Pirkers „Wienerische Lyrik.“. Schlussendlich und kurzum gibt es nur noch eines dazu zu sagen: Ein phantastisches Sammelsurium anhand eines literarischen Ohrenschmauses liegt hier vor, perfekt feilgeboten von Elfriede Ott, der Prädestiniertesten dazu!
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Der Vollständigkeit halber die Tracklist:
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01 Hans Weigel – Wanderer kommst du nach Österreich;
02 Johann Nestroy s’ ist alles net wahr. Couplet und Zitate;
03 Alfred Polgar – Das Kind;
04 Peter Hammerschlag – Der Federstiel;
05 Christine Nöstlinger – Wos i ma winsch;
06 Christine Nöstlinger – Vom nerwösn Madl;
07 Hans Weigel – Schlaflied;
08 Stefanie Werger – Wiegenlied;
09 Christine Nöstlinger – Hamdrahn;
10 Elfriede Ott – Tonart: Theater;
11 Hans Weigel – Was ist Theater? Aus: Apropos Theater;
12 Elfriede Ott – Chanson;
13 Hans Weigel/Rudolf Weys – Lied der Kleinkunst (1932);
14 Hans Weigel – Wien-Lektion;
15 Hans Weigel – Die Lautverschieber sind unter uns;
16 Herbert Pirker – Das Handtascherl;
17 Trude Marzik – Das Wienerische Alphabet;
18 Herbert Pirker – Wienerische Lyrik;
19 Peter Orthofer – Lachen’s einmal;
20 Wienerlied – Jo, jo, der Wein ist gut;
21 Trude Marzik – Wann i no amol auf die Welt kumm;
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Über Elfriede Ott:
Elfriede Ott ist gelernte Uhrmacherin; sie sollte die Werkstatt ihres Vaters übernehmen, wollte jedoch zum Theater, nahm dafür heimlich Schauspielunterricht und debütierte 1944 in Gerhart Hauptmanns „Die goldene Harfe“ unter der Regie von Lothar Müthel am Wiener Burgtheater, dessen Ensemblemitglied die Ott bis 1949 blieb. Danach war sie eine Saison am Landestheater in Graz engagiert. 1950 heiratete sie den Schauspieler und Komiker Ernst Waldbrunn; die Ehe wurde 1964 geschieden. Seit Anfang der 1960er Jahre lebte sie mit Hans Weigel zusammen, den sie kurz vor seinem Tod 1991 heiratete. 1953 spielte Elfriede Ott erstmals im Theater in der Josefstadt, dessen Ensemblemitglied sie jahrzehntelang geblieben ist. Neben der Schauspielerei unternahm sie immer wieder Ausflüge zur Operette und war auch in zahlreichen TV-Produktionen zu sehen, wie z.B. „Hallo … Hotel Sacher, Portier“ und später in der ORF-Stegreif-Serie „Die liebe Familie“.1983 riefen Hans Weigel und sie die sommerlichen Nestroy-Spiele auf der Burg Liechtenstein in Maria Enzersdorf, wo beide seit 1971 lebten, ins Leben. Darüber hinaus absolvierte sie Auftritte bei den Salzburger Festspielen, beim Salzburger Straßentheater, oder bei den Wiener Festwochen. Als Regisseurin war sie an Wiener Bühnen tätig und ab 1985 (bis 2004) als Schauspiel-Lehrerin am Konservatorium der Stadt Wien aktiv. Neben schriftstellerischen Aktivitäten betätigt sich Elfriede Ott auch als Malerin und Zeichnerin.

Elfriede Ott erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Nestroy-Ring, die Kainz-Medaille, die Goldene Kamera, das Große Silberne Ehrenzeichen der Republik Österreich, sowie die Titel „Professor“ und „Kammerschauspielerin”.

Eine Phantasie in Ö-Dur

vorgetragen von Elfriede Ott
ORF Edition Radio Literatur
ORF-CD528
www.orf-shop.at
EAN: 9 004629 309439
Bestellnr.: 2000432
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