Edi Krieger / Zum 70. Geburtstag

 Eduard Krieger, 1979 wieder in Österreich beim LASK. Foto: privat

Eduard Krieger, 1979 wieder in Österreich beim LASK. Foto: privat

Edi Krieger – Eh Oh Eh! Die LASK-Fans im Block 2 des Linzer Stadions stimmten ihre Choräle freudig an, wenn es zu einem Freistoß in Strafraumnähe des jeweiligen Gegners, oder sogar zu einem Penalty kam, denn der hier geiferte und geforderte Aktive im schwarz-weiß gestreiften Dress war   d e r   Meister des ruhenden Balles.

Eduard „Edi“ Krieger war im Herbst seiner Fußballer-Laufbahn, als er im Sommer 1979 seine Zelte in der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz aufschlug. Beim SK VÖEST winkte man dankend ab, der „Ederl“ sei mit seinen knapp 33 Lenzen zu alt. Der Linzer ASK hingegen, gerade erst wieder in die 1. Division aufgestiegen, schnappte sich den „alternden“ Star und sollte mit ihm zumindest zwei gute Spielzeiten erleben. Man war ein bisserl großkopfert beim SK VÖEST und dachte sich wohl, mit Willi Kreuz, sowie den drei Ex-Austrianern Thomas Parits, Fritz Drazan und Alberto Martinez bereits die besseren Einzelspieler in den eigenen Reihen zu haben. Nun, es kam wie es kommen musste – die erste Herbstrunde 1979 bescherte ein Linzer Stadt-Derby. Die Gugl platze aus allen Nähten und weit über die offiziell verlautbarten 26.000 Zuschauer hinaus wohnten diesem Prestige-Duell live vor Ort bei. Edi Krieger spielte eine überragende Partie, schlug sehenswerte Passbälle und verstand sich mit der „Schwarzen Perle des LASK“, Helmut Köglberger, schier blind. Gerade das Duo Köglberger-Krieger war eine Bank des LASK. Beide kannten und schätzten sich von der gemeinsamen Zeit bei der Austria Ende der 1960er Jahre her und diktierten das schwarz-weiße Spiel. Der Underdog und Aufsteiger LASK ging somit hochverdient gegen den haushohen Favoriten VÖEST als 3 : 1-Sieger vom Feld. Für Edi Krieger eine Genugtuung, denn ihn als „alt“ zu bezeichnen, dieser Stachel saß doch sehr tief.

 

Austria-Sekretär Norbert Lopper bittet den ÖFB um Auslands-Freigabe für Edi Krieger 1975 ins belgische Brügge. Sammlung: oepb

Austria-Sekretär Norbert Lopper bittet den ÖFB um Auslands-Freigabe für Edi
Krieger 1975 ins belgische Brügge. Sammlung: oepb

Der LASK spielte 1979/80 als Aufsteiger eine Riesen-Saison. Die Linzer „Landstraßler“ waren tabellarisch immer vorne mit dabei und punkteten auch gegen die Großen der Liga. Selbst die Wiener Austria, der spätere Meister und Cupsieger in diesem Jahr, musste gegen die Linzer Federn lassen und konnte den frechen Aufsteiger in dieser Spielzeit nicht einmal bezwingen – bei vier Versuchen wohlgemerkt. Edi Krieger und Helmut Köglberger gaben geniales Paar ab, welches Fußball-Österreich damals verzauberte. Dass die Linzer als Aufsteiger damals Dritter – hinter Meister Austria Wien und dem Stadt-Rivalen SK VÖEST – wurden, war eine echte Sensation. Edi Krieger hatte es allein noch einmal so richtig gezeigt, was ihn ihm steckte, was er zu leisten imstande war.

Eduard Franz Krieger, geboren am 16. Dezember 1946 in Wien, kam sehr bald schon mit dem Fußballsport in Berührung. Als waschechter Simmeringer zerriss er seine ersten „Packeln“ zuerst für den 1. Simmeringer SC, ehe er bei Waggonfabrik / SGP – dies stand für „Simmering-Graz-Pauker“Simmering in der 1. Klasse A anheuerte. Diesen einstigen Werksverein gibt es heute nicht mehr, nach einer Fusion, Umbenennung, Vereinsverschmelzung etc. um die Jahrtausendwende existiert heute der FC Mariahilf auf dem alten SGP-Platz in der Leberstraße in Wien XI. Krieger erlernte den Beruf eines Malers und Anstreichers, arbeitete allerdings auch im Wiener Gaswerk. Eines schönen Tages stand plötzlich um 7 Uhr morgens Austrias Talentespäher Josef „Pepi“ Argauer vor der Tür und „entführte“ den Edi von der Arbeit in Richtung Flughafen Schwechat. „Schau her, da steigt eine Maschine auf in Richtung Amerika. Da kannst Du drinnen sitzen!“, so Argauer. Krieger wird nachdenklich, er wäre gerne einmal geflogen. Der nächste Weg führte ihn ins Austria-Sekretariat in die Annagasse in der Inneren Stadt. Für vorerst zwei Jahre unterschrieb er beim FAK.

Nach seinen Jahren in Belgien kehrte er im Sommer 1979 nach Österreich zurück. Hier, im Frühling 1980, fightet Edi Krieger, links, im Dress des LASK gegen Thomas Parits (SK VÖEST). Die Linzer Gugl war stets gut besucht, wenn die beiden Linzer Rivalen die Klingen kreuzten. Foto: privat

Nach seinen Jahren in Belgien kehrte er im Sommer 1979 nach Österreich
zurück. Hier, im Frühling 1980, fightet Edi Krieger, links, im Dress des
LASK gegen Thomas Parits (SK VÖEST). Die Linzer Gugl war stets gut besucht, wenn die beiden Linzer Rivalen die Klingen kreuzten. Foto: privat

Mit 22 Jahren wechselte er demnach im Sommer 1968 zum FK Austria Wien. Auch der Wiener Sport-Club und RAPID wären an ihm interessiert. „Ich war immer ein Austrianer, etwas anderes wäre mich gar nicht in Frage gekommen!“, so Edi Krieger selbst. Sein damaliger Trainer Ernst Ocwirk hielt große Stücke von ihm, dem „Fein-Mechaniker“ mit dem ungeheuren Gefühl im Fuß. Er ließ ihm auch eine Menge durchgehen. Etwa, dass Krieger, obwohl verletzt gemeldet, bei Wirtshausmannschaften mitkickte. „Ich wollte halt immer spielen.“, erinnert er sich heute an seine aktive Zeit zurück. Krieger spielte vor Johann „Waschi“ Frank Vorstopper und sein Torhüter Rudi Szanwald bekam sehr bald schon graue Haare, als der Ederl wieder einmal einen Haken im eigenen Strafraum schlug. Dieses „Bruder Leichtsinn“-Gehabe brachte ihm die eine oder andere Schelte seiner älteren Mitspieler-Kollegen ein. Doch Coach Ocwirk stand auf seinen „Krieger“, bestrafte diesen nur, für das „Zigarette rauchen“ mit 100 Schillingen (€ 7,27) oder andere Dinge. Ocwirk importierte aus seiner Italien-Zeit Dinge, die damals, Ende der 1960er Jahre, undenkbar gewesen wären. „Vor dem Match hat es immer Naturschnitzel mit Reis und grünem Salat, dazu einen roten Spritzer und als Nachspeise Früchtekompott gegeben!“, erinnert Krieger sich heute noch an den einstigen Menüplan.

Mit den Wiener Violetten sollte es zu großen Erfolgen reichen. Unter der Regie von Ernst „Dralle“ Fiala kam Edi Krieger 1969 und 1970 zu Meister-Ehren. 1971 und 1974 holte er mit dem FAK auch zweimal die Cup-Trophäe. Dann der Weg ins Ausland. Sein genialer, manchmal auch schlampiger Spielstil rief Ernst Happel auf den Plan, er verpflichtete Krieger zum FC Brügge (Club Brugge KV). Happel ließ Krieger beobachten, sah ihn sich dann selbst im Zuge eines Meisterschaftsspieles gegen den LASK an und Kriegers-Leistung in diesem Spiel bescherten ihm 3 Jahre Belgien. „In Österreich war ich Lizenzspieler, das hieß – vormittags arbeiten, nachmittags Training. Erst in Belgien mit knapp 29 Jahren bin ich Profi geworden. Das war eine Umstellung für mich von 100 Prozent. Das Training war viel härter.“, so erinnert er sich heute zurück. Aber Happel war begeistert von seinem „einsamen Krieger“. „Das erste Spiel für Brügge. Ich machte ungeheuer viele Fehler. Die Leute pfiffen mich aus. Aber Happel stand zu mir. Er half mir durch die ersten Wochen und Monate. Ich gewöhnte mich ein. Später dann waren die Leute von mir begeistert.“, so Edi Krieger in seiner Erinnerung. Überhaupt schwärmt er von Ernst Happel in den höchsten Tönen. Und er ergänzt: „Die meisten wissen ja nicht, wie er wirklich war. Für mich war er ein super Mensch, ein toller Charakter. Ich hatte in meiner Laufbahn nie einen besseren Trainer gehabt. Wenn es jedoch um den Sieg und um den Erfolg ging, war er immer härter als die anderen. Harte Getränke zum Beispiel waren verpönt, Bier ja, aber sonst nichts. Nach einem gewonnenen Match saß ich mit meinem Freund, Torhüter Birger Jensen in einer Bar. Es ist weit nach Mitternacht. Plötzlich kommt der Happel rein. Er geht schweigend ins Nebenzimmer. Kurze Zeit später bringt uns die Kellnerin Mineralwasser. Mein Teamkollege geht sofort heim, mich zitiert Happel an seinen Tisch. Er schenkt Cognac ein, den ich trinken muss. Bis 5 Uhr früh. Am nächsten Tag, ein Montag, ist nicht frei, sondern auf einmal ein Training angesetzt. Mit Springschnüren, Bleiwesten und Medizinbällen. Jedes Mal, wenn ich beim „Chef“ vorbeilief, hörte ich von ihm die überflüssige Frage: „No, hast no den Cognac in die Knie?“. So war er eben, der Happel.“

Freunde in der Nationalmannschaft, Rivalen in der Meisterschaft. Willi Kreuz vom SK VÖEST, links gegen Edi Krieger vom Linzer ASK. Hier anhand eines Derbys im Mai 1981. Foto: privat

Freunde in der Nationalmannschaft, Rivalen in der Meisterschaft. Willi Kreuz vom SK VÖEST, links gegen Edi Krieger vom Linzer ASK. Hier anhand eines Derbys im Mai 1981. Foto: privat

Mit Ernst Happel wurde Edi Krieger dreimal belgischer Fußballmeister – ein klassischer Hattrick in den Jahren 1976, 1977 und 1978, wobei 1977 mit dem Cupsieg auch das Double mit dem FC Brügge gelang. Krieger stand auch zweimal in einem Europacup-Finale. Der UEFA-Cup 1976 geht mit einem Gesamtscore von 3 : 4 verloren, der Meistercup-Bewerb 1978 mit 0 : 1, kurioserweise beide Male gegen die “Reds” von Liverpool FC. „Wir waren bei Brügge nicht so hervorragend, aber elf gute Freunde. Einer ist für den anderen gelaufen und hat die Fehler ausgebessert. Nicht 90, sondern 120 Minuten. Unter Happel hat die Spielerbesprechung maximal 5 Minuten gedauert. Bei der Austria unter Karl Stotz sind wir oft eineinhalb Stunden gesessen, da haben die Spieler schon geschlafen. Rot, grüne, gelbe Pfeile, keiner hat mehr gewusst, wer er ist.“, so Edi Krieger weiter.

Eine Anekdote möchte er auch nicht unerwähnt lassen: „Ich war bei Brügge der Einzige, der zu Auswärtsspielen mit der Bahn anreisen durfte, weil ich so eine Flugangst hatte!“ und Willi Kreuz ergänzt: „Wenn wir mit dem Nationalteam geflogen sind, ist der Ederl immer neben mir gesessen. Wenn wir hellblaue Hemden angehabt haben, war seines bei der Landung immer dunkelblau vom Durchschwitzen.“ Dabei wollte Josef Argauer doch einst, dass der Krieger in einer Maschine in die USA sitzt. Nun, Karriere hatte er gemacht, der Krieger, ob mit oder ohne Flugzeug.

Im Sommer 1982 war für ihn Schluss in Linz. Der LASK wurde in der Zehnerliga Letzter und stieg nur aufgrund der Aufstockung auf 16 Klubs nicht ab. Krieger ging zurück nach Wien und ließ beim LAC in Wien-Landstraße seine Karriere ausklingen. Er versuchte sich auch als Trainer. Hier waren Ajax, Victoria, Mautner, Kaiserebersdorf und Polizei/Feuerwehr seine Stationen, zwei Meisterschaften gewann er mit Ajax und der Victoria im Wiener Unterhaus. Was nun folgen sollte, war ein lang gehegter Wunsch: Der Traum vom eigenen Café in Wien-Simmering. Dies ging am Anfang auch ganz gut. Im Februar 1982 eröffnete er noch als Aktiver in der Kaiserebersdorfer Straße 26 in Wien XI sein erstes Kaffeehaus. Leider hielt der Traum jedoch nicht allzu lange an, denn Gutmütigkeit und Vertrauen in „falsche“ Freunde ließen ihn in der Gastronomie eine Bauchlandung hinlegen. Später verkaufte er am Victor-Adler-Markt in Wien-Favoriten frisches Obst und Gemüse, ehe er in seinem alten Heimat-Bezirk Simmering „landete“ und einem Freund in der Hasenleiten-Stuben gelegentlich als Kellner aushalf. Dort trifft man ihn auch heute noch. Edi Krieger wirkt geknickt und betrübt, wenn man ihn da so sitzen sieht, bei einem Achterl Weiß und einer Zigarette. Seine Augen leuchten und er erblüht förmlich zu neuem Leben, wenn man ihn auf seine Karriere anspricht. „Das ist doch schon so lange her.“, winkt er zunächst noch ab, beginnt aber dann, fröhlich und freudig aus dem Nähkästchen zu plaudern. Er wirkt bescheiden und zufrieden. „Ich bin immer der geblieben, der sich nicht geändert hat. Auch nicht, als ich damals im Rampenlicht stand. Ich hatte immer meine Freunde und habe diese auch heute noch.“, so zum Abschluß unseres Gespräches im heurigen Sommer.

Eduard "Ederl" Krieger 2015, ein bescheiden gebliebener und ganz Großer des Österreichischen Fußballsports. Foto: oepb

Eduard “Ederl” Krieger 2015, ein bescheiden gebliebener und ganz Großer des Österreichischen Fußballsports. Foto: oepb

Doch eines soll, darf und kann nicht unerwähnt bleiben. Wenn die alten Kalauer der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 aufgewärmt werden und immer wieder von Cordoba und dem damit verbunden ersten Sieg über Deutschland nach 47 Jahren palavert wird, dann war er es, der Eduard „Ederl“ Krieger, der die entscheidenden Passbälle schlug. Krieger hatte bei allen drei Toren Österreichs seine genialen Beine im Spiel: der Ausgleich, das Eigentor von Berti Vogts fiel nach einer Krieger-Flanke, ebenso das 2 : 1 durch Hans Krankl. Und beim Spielentscheidenden 3 : 2 eroberte er im Mittelfeld den Ball, servierte weiter auf Robert Sara, der wiederum Hans Krankl auf die Reise schickte … Cordoba bestand eben nicht nur aus Hans Krankl, sondern aus 11 „gstanden österreichischen Fußballern“, die allesamt als Team und Einheit diesen Erfolg landen konnten. Eduard Krieger war einer davon, vielleicht sogar der Wichtigste in diesem Spiel, das sollte und darf nicht in Vergessenheit geraten …

 

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