DIE VÖEST-KINDER / Roman

DIE VÖEST KINDER von Elisabeth Reichart_Scan oepb.atDie ersten Lebensjahre verbringt das Mädchen mit ihren Eltern und ihren Großeltern in der Kleinstadt Steyregg – bei Linz – an der Donau. Am gegenüberliegenden Ufer steht die VÖEST – die „Vereinigten Österreichischen Eisen- und Stahlwerke“, gegründet im Mai 1938 als „Hütte Linz der Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten Hermann Göring“. Dort arbeitet der Vater.

In der magischen Welt des kleinen Mädchens lebt ein Drache im Hochofen. Doch mit der Übersiedelung der Familie Anfang der 1960er Jahre in die sogenannte VÖEST-Siedlung lösen sich die phantasievollen Märchen urplötzlich auf: Der Feuer speiende Drache verschwindet und der Ruß, den der Wind oft und oft auf die zum Trocknen im Garten aufgehängte Wäsche geweht hatte, ist nur noch schmutzig. Das Mädchen lernt, dass sie über das „Tausendjährige Reich“ keine Fragen stellen darf.

Das Denken der Erwachsenen ist nun komplett auf die Zukunft ausgerichtet, der von der Puppe und den Musikinstrumenten bis zur Familie alles geopfert wird. Um sich das neue Leben im eigenen Haus in der VÖEST-Siedlung auch leisten zu können, muss jeder aus der Familie sein Scherflein dazu beitragen. Die Kleine spendet nur sehr missmutig ihre Lieblings-Puppe, die die geliebte Mutter nun sogleich in „Die Chance“ – eine Tausch-Zentrale am Linzer Hauptbahnhof – trägt und mit Bargeld wieder nach Hause zurückkehrt. Der Vater züchtet Chinchillas im Keller, aber nicht zum Spielen für die Kleine, sondern um die Tiere zu töten und das Fell zu Geld zu machen. „Irgendwann später werden wir alle glücklich sein!“, so wird es der Kleinen stets eingetrichtert.

Wo immer sie war, es war stets der falsche Ort. Ihr richtiger Ort, von dem sie nicht wusste, wo er sich befand, sah ganz anders aus. An ihrem richtigen Ort lebte das Einhorn noch und der kleine Zigeunerjunge Milo spielte mit ihr in den Auen und an der Traun. Vor allem war die Sprache voll von Zauberworten, die nicht den Schrecken, sondern das Glück beherbergten.

Als erster aus der Siedlung wird der Vater an den Blauen Nil in den Sudan geschickt. Die VÖEST hat dort ein Monsterprojekt anhand eines Kraftwerkbaus vor. Der Auftrag der Erstellung dauert Jahre. Das Mädchen vermisst ihren Vater, der nun natürlich nicht mehr da ist. In ihren Gedanken und ihren Träumen reist sie ihm hinterher.

Die bald 10-jährige versucht sich zurechtzufinden – zwischen Schweigen in der Siedlung, Tuscheleien hinter dem Rücken der Mutter und Wörtern, die sie nicht kennt. Ihre sehr lebhaften Wahrnehmungen bedeuten für die Erwachsenen eine Bedrohung, erinnern diese zu schmerzlich an die eigenen, von den Nationalsozialisten verunmöglichten Sehnsüchte. Sie versuchen, sich das Kind gleich zu machen, was ihnen vorübergehend gelingt, bis das Mädchen das Leben in ihrem Kopf entdeckt und die Fantasie lebendig wird.

oepb-Rezension:

Der Autorin Elisabeth Reichart gelang es in wunderbarer Art und Weise, einen Roman über die Nachkriegsjahre in Österreich zu schreiben. Ein Roman, der der Tatsache sehr nahe kommt. Was war denn die Stadt Linz bis ins Jahr 1938? Eine mehr oder weniger unbedeutende Kleinstadt mit weniger als 100.000 Einwohnern, ein Kleinod mit ländlichem Idyll. Der Bau der Göring-Werke, der heutigen voest-alpine, verabreichte der oberösterreichischen Landeshauptstadt förmlich eine Initialzündung. Genau in jene Jahre der Entbehrungen nach 1945, jedoch beginnend mit dem späteren Wirtschaftswunder, genau in jene Epoche hinein zielt diese Geschichte. Die Schicht im Werk, der Schichtplan, der Vertrauensmann in der Belgschafts-Vertretung, das meist zu knappe Wirtschaftsgeld für die Mütter, die Turbulenzen in der Familie, die man am als Arbeiter am Hochofen, in der Kokerei, im Walzwerk oder sonst wo vergessen konnte und noch vieles andere mehr … Es wird besser, in der VÖEST-Siedlung, wo wir zwar alle unter einem Dach leben, aber wo der neugierige Nachbar stets über den Gartenzaun hinweg uneingeladen zu Besuch kommen kann, um „herumzunasern“. Die immer noch nachblubbernde Hitler-Zeit, die Kinder, die Schimpfwörter, aufgeschnappt und nicht verstanden, von zu Hause mitnehmen und auf die Altergenossen loaslassen. Die Ungewissheit, Fremden wie den Zigeunern, die in der Barackensiedlung ihr kümmerliches Dasein fristen, gegenüber. All das wird einfühlsam und überaus wahrheitsgemäß geschildert. Eine Roman-Erzählung, die sich tatsächlich so zugetragen haben könnte. Ein wunderbares Buch, zum Abschalten und Eintauchen in die Welt der Vorfahren, denn so – oder so ähnlich – könnte es sich auch ganz ohne VÖEST in jeder anderen österreichischen Stadt abgespielt haben …

Die Voest-Kinder
von Elisabeth Reichart
Roman, 306 Seiten, gebunden
zum Preis von € 22,00, oder als Ebook: € 17,99
ISBN: 978-3-7013-1187-3
 
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Otto Müller Verlag
www.omvs.at
 
 
 
 
 

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