DDR-Teamchef Eduard Geyer im Gespräch

Direkt in das alte Zentralstadion hinein wurde für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 die neue Arena gebaut. Diese Bänke sind die letzten stummen Zeugen an das einstige "Stadion der 100.000". Österreich spielte hier am 12. 10. 1977 gegen die DDR vor über 95.000 Zuschauern 1 : 1. Foto: oepb

Direkt in das alte Zentralstadion hinein wurde für die
Fußball-Weltmeisterschaft 2006 die neue Arena gebaut. Diese Bänke sind die letzten stummen Zeugen an das einstige “Stadion der 100.000″. Österreich spielte hier am 12. 10. 1977 gegen die DDR vor über 95.000 Zuschauern 1 : 1. Foto: oepb

Wie es der Zufall so wollte, traf man im Zuge eines Leipzig-Besuches in der Nähe des Zentralstadions – das ehemalige „Stadion der 100.000“ hört seit Sommer 2010 auf den „wohlklingenden NamenRed Bull-Arena Eduard Geyer, den letzten Fußball-Teamchef der verflossenen DDR. Dieser war in seiner aktiven Zeit nicht nur sehr erfolgreich, sondern verkörperte auch den DDR-Sportsgeist wie kaum ein anderer.

Anbei nun bitte der Wortlaut eines kurzen Interviews, das dann doch sehr intensiv und aussagekräftig ausgefallen ist.

oepb: Herr Geyer, grüß Sie, bitte, wenn es Ihre Zeit erlaubt, auf ein Wort!

E.G.: Guten Tag. (sehr freundlich) Sie sind aber nicht von hier …

oepb: Nein, wir kommen aus Wien und verfolgen Ihren Werdegang genau genommen seit den Qualifikationsspielen zwischen Österreich und der DDR im Jahre 1989.

E.G.: Das ist aber lange her (lächelt) und es hat sich viel getan in der Zwischenzeit.

oepb.: Ja, das ist wohl richtig. In unserer Erinnerung lebt noch der 3: 0-Erfolg im letzten Qualifikationsspiel gegen Ihre Nation (Anm.: Österreich schlug am 15. November 1989 im Wiener Praterstadion die Auswahl der DDR mit 3 : 0 und qualifizierte sich damit für die Fußball-Weltmeisterschaft 1990 in Italien). Da war einiges los, damals und in jenen Tagen. Zuerst der Fall der Mauer (Anm.: am 9. November 1989 wurde die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin völlig unbürokratisch geöffnet, jene Blockade, die von 1961 bis 1989 Berlin in zwei Hälften teilte, ward somit Geschichte) verbunden mit der neu gewonnenen Freiheit und Reisefreudigkeit der DDR-Bürger und kurz darauf unser Länder-Match gegen Ihre Nation.

 Im Museum in den Stadion-Katakomben ist die Geschichte des Leipziger Fußballs dokumentiert. Foto: oepb

Im Museum in den Stadion-Katakomben ist die Geschichte des Leipziger Fußballs dokumentiert. Foto: oepb

E.G.: Euer Toni Polster hatte einen Super-Tag damals, er schlug uns quasi im Alleingang.

oepb: Allerdings, aber so sicher war der Erfolg im Vorfeld nicht. Österreich musste gewinnen und auf Schützenhilfe der UdSSR (Anm.: 2 : 0-Sieger im letzten Spiel gegen den schärfsten Österreich-Verfolger Türkei) hoffen. Ihr Team war Top, wir denken da an Andreas Thom, Ulf Kirsten, der junge Matthias Sammer, Rico Steinmann und dergleichen.

E.G.: Toll, die kennen Sie alle noch, sehr schön (nickt anerkennend)

oepb.: Nun, wir interessieren uns eben für Fußball und auch die Geschichte dessen. Wie war das alles damals aus Ihrer Sicht?

E.G.: Na ja, wir verfolgten das mit dem Berliner Mauerfall natürlich. Als Team bereiteten wir uns bereits auf das Wien-Spiel vor. Wir saßen in Leipzig und sahen die Bilder der offenen Mauer. Verstanden, ich meine so richtig, hat das aber niemand.

 

 Man kann die alte Pracht dieses Areals von aussen noch erahnen, wenngleich der Ruhm von einst mehr und mehr verblasst. Foto: oepb

Man kann die alte Pracht dieses Areals von aussen noch erahnen, wenngleich der Ruhm von einst mehr und mehr verblasst. Foto: oepb

oepb: Die DDR hatte gegenüber der Türkei (+ 4) die schlechtere, gegenüber Österreich (- 3) die bessere Tordifferenz (- 1). Alle drei Nationen hatten 7 Punkte (bei 2 Punkte-Regel für den Sieg). Ein Remis in Wien hätte genügt und Ihr Land wäre zur WM nach Italien gefahren.

E.G.: Ja, das ist richtig. Aber da hatte Euer Toni (lächelt) etwas dagegen und die politische Umstrukturierung im Land. Es brach ein Orkan los, Spielerberater aus dem Westen verdrehten mit unzähligen Telefongesprächen unseren Aktiven den Kopf. Die Mannschaft war jung und ambitioniert, aber ich hatte den Eindruck, beim Wien-Spiel der einzige zu sein, der voll und ganz bei der Sache war und das Spiel auch gewinnen wollte.

oepb: Reiner Calmund, der damalige Manager von Bayer 04 Leverkusen, schildert in seinem Buch „fußball bekloppt“ sehr pointiert von dem Umstand, dass er für die Werks-Elf die Gunst der Stunde nutzen wollte, um den einen oder anderen DDR-Auswahlspieler nach Leverkusen zu lotsen. Dies ging sogar soweit, dass „Spione“ in seinem Namen mit Foto-Leibchen ausgestattet auf der Laufbahn des Praterstadions positioniert waren, um direkt am Orte des Geschehens die ersten Vor-Verhandlungen betreffend Vereinswechsel zu führen, während er in Köln-Müngersdorf dem Länderspiel Deutschland vs. Wales beiwohnte. Im Falle von Andreas Thom und Ulf Kirsten war ihm dies ja auch geglückt.

Innenansicht der Schüssel. Die türkis-blauen Sitze wirken gerade in der kalten Jahreszeit ungemütlich und nicht gerade einladend. Foto: oepb

Innenansicht der Schüssel. Die türkis-blauen Sitze wirken gerade in der kalten Jahreszeit ungemütlich und nicht gerade einladend. Foto: oepb

E.G.: Heute (nachdenklich) und im nachhinein werden diese alten Geschichten gerne auch einmal übertrieben. Als Trainer achtete ich nicht so darauf und konzentrierte mich vermehrt dem sportlichen Rahmen. Der ganze Trubel brach aber auch schon vor dem Spiel auf uns herein.

oepb.: In Wien waren an jenem November-Abend, 6 Tage nach dem Mauerfall, gut 4.000 DDR-Schlachtenbummler im Stadion. Eine imposante Anzahl.

E.G.: Wir hatten zwar immer ein paar Zuschauer mit, aber so eine große Zahl nie. Dennoch gewann ich damals mehr und mehr den Eindruck, dass wir bei diesem Spiel benachteiligt werden.

oepb.: Sie sprechen den Elfmeter in der 21. Minute an (Anton Polster erzielte daraus der 2 : 0).

E.G.: Ja und Roland Kreer sah Rot in der 75. Minute.

oepb.: Aber auch die DDR erhielt einen Strafstoß zugesprochen. Beim Stand von 2 : 0. (Anm.: Rico Steinmann scheiterte an Klaus Lindenberger). War Ihnen damals eigentlich bewusst, dass Sie der letzte Teamchef der DDR sein könnten oder würden?

E.G.: Ich hatte damals wie wir alle keine Ahnung. Wird es zwei Fußball-Verbände mit zwei Deutschen Auswahlmannschaften geben, oder kommt es hier zu einer Verschmelzung. Bekanntlich ging dann aber alles ohnehin sehr rasch vor sich.

 

 Wenn man die Geschichte des Leipziger Traditions-Fußballs kennt - hier der Heimblock von Red Bull - ist es umso erstaunlicher, ...

Wenn man die bewegte Geschichte des Leipziger Traditions-Fußballs kennt – hier der Heimblock von Red Bull – ist es umso erstaunlicher, …

oepb.: Das DDR-Team zerfiel und zahlreiche Spieler wanderten in den Westen ab. Die Auswahltrainer der DDR kamen aber nicht so gut an. Warum, glauben Sie, war das so?

E.G.: Die DDR spielte international lediglich eine untergeordnete Rolle. Der Fußballsport im Osten lief nur so nebenbei mit und die Funktionäre unterstützten das Ganze nicht so, wie man sich das vielleicht gewünscht hätte. Die Leute wollten aber Fußball sehen, somit konnte man ihn nicht fallen lassen. Aber Spielerwechsel waren untereinander kaum möglich, da die Vereine Bezirksauswahlmannschaften waren. In Dresden bekam man keinen Spieler aus Rostock, Magdeburg oder Jena. Da waren uns Trainern schon auch die Hände gebunden.

oepb.: Wie ging es mit Ihnen persönlich nach der Wende weiter. Sie blieben Trainer und waren nicht unterfolgreich.

E.G.: Zahlreiche Trainer mussten sich weiterbilden und im Westen Schulungen absolvieren. Ich war jahrelang in der Oberliga und auch international aktiv, mir blieb das mit einigen meiner Kollegen erspart. Ich kenne und kannte aber auch Kollegen, die waren diplomierte Sportlehrer. Die hatten 5 Jahre an der DHfK (Anm.: Deutsche Hochschule für Körperkultur, Leipzig) studiert, wurden aber im Westen nicht anerkannt. Ich denke, dass die Qualifikation der Trainer sehr hoch war, im Westen sah man aber in uns neue Konkurrenten für die begehrten „Schleuderstühle“ (lacht herzlich).

oepb.: Sie waren in der Lausitz beim FC Energie Cottbus sehr erfolgreich. 1997 das DFB-Pokalfinale (Anm.: 0 : 2 gegen den VfB Stuttgart verloren) in Berlin erreicht, 1999/2000 in die Bundesliga aufgestiegen. Sie blieben demnach im Osten.

 ... dass nun knapp 30.000 Menschen zu RB Leipzig gehen. Beide Fotos: oepb

dass nach 28.616 Zuschauern in Liga 2 nun sagenhafte 41.433 Besucher in Liga 1 durchsschnittlich zu RB Leipzig pilgern. Beide Fotos: oepb

E.G.: Ja, ich fühle mich hier wohl und es heißt doch so schön, dass man einen alten Baum nicht verpflanzen sollte (lächelt).

oepb.: Was folgte dann, nach Ihren Jahren in Dresden bei Dynamo und in Cottbus?

E.G.: Ich war hier in der Stadt beim FC Sachsen Leipzig aktiv, zuerst als Trainer, dann auch als Sportdirektor. 2007 musste der Klub Konkurs anmelden.

oepb.: Wie bekamen Sie das alles hier mit, den Einstieg von Red Bull etc.?

E.G.: Der Konzern klopfte beim FC Sachsen an. Es gab ein Gespräch und aus. Man hörte nie mehr wieder etwas voneinander. Der Einstieg (Anm.: mit dem Startrecht des SSV Markranstädt 2009/10 in der 5. Liga startete Red Bull das Unternehmen Leipzig) ging dann bekanntlich wo anders von statten.

oepb.: Wie sahen die Leipziger Fußballfreunde, respektive natürlich auch Sie diesen Vorgang?

Einerseits geht es bereits im Innenraum des alten Zentralstadion-Areals steil hinauf ...

Einerseits geht es bereits im Innenraum des alten Zentralstadion-Areals steil hinauf …

E.G.: Nun, es spricht nichts dagegen, wenn sich ein Konzern als Sponsor, Gönner oder Mäzen bei einem Fußballverein beteiligen möchte. Es ist in Ordnung, wenn die Beteiligung so erfolgt, dass binnen kürzester Zeit der Aufstieg von unten nach oben möglich ist. Im Westen sah man das anhand von Leverkusen (Bayer-Pharmazeutische Betriebe), Wolfsburg (VW-Werk) und auch von Hoffenheim. Die Leute wollen guten Fußball sehen und der kostet eben Geld. Mir persönlich wäre es aber schon auch lieber gewesen, wenn man die Traditions-Vereine dafür genommen hätte (Anm.: weder der 1. FC Lokomotive Leipzig, noch der FC Sachsen Leipzig kamen in die Gunst der Red Bull Finanzspritze) Aber meines Erachtens scheiterte es an zahlreichen Eifersüchteleien und fehlender Weitsichtigkeit.

oepb.: RB Leipzig marschierte mit Sieben Meilen Stiefeln in Richtung 1. Bundesliga und spielt heuer als Aufsteiger um die Champions-League-Plätze mit. Überrascht Sie das?

 ... um andererseits auf den einstigen Stufen hinab direkt hinein in die neue Arena zu gelangen. Architektonisch und optisch stellt das Ganze ein wahres Meisterstück dar. Beide Fotos oepb

... um andererseits auf den einstigen Stufen hinab direkt hinein in die neue Arena zu gelangen. Architektonisch und optisch stellt das Ganze ein wahres Meisterstück dar. Beide Fotos oepb

E.G.: Ja, es sieht ganz danach aus, dass Leipzig nach über 20 Jahren wieder über eine Bundesligamannschaft verfügt (Anm.: 1993/94 war mit dem VfB Leipzig (Vorgänger-Verein 1. FC Lok) letztmals eine Leipziger Mannschaft im Oberhaus) die auch die Liga halten kann und sogar in Europa spielt. Man sieht auch, dass die Leute ins Zentralstadion strömen und sich mit RB Leipzig mehr und mehr identifizieren. Umso mehr finde ich es sehr, sehr schade, dass eben kein alteingesessener Leipziger Verein in diese Gunst kommen gekommen ist. Aber das ist leider auch der Schnee von gestern und so zu akzeptieren.

oepb.: Was macht der Eduard Geyer heute, ist er noch aktiv?

E.G.: Also Verein trainiere ich keinen mehr, wenn Sie das meinen. Aber die Heimspiele von Dynamo Dresden (Anm.: auch dort ist wieder etwas am Entstehen. Dynamo spielt in der 2. Bundesliga als Aufsteiger und gute Rolle im oberen Tabellen-Drittel) besuche ich regelmäßig und auch in Cottbus bin ich öfters im Stadion anzutreffen. Überhaupt verfolge ich sehr intensiv den Deutschen Fußball der ersten Drei Spielklassen.

oepb.: Herr Geyer, haben Sie vielen herzlichen Dank, dass Sie sich quasi zwischen Tür und Angel Zeit für diesen kurzen und interessanten plauderischen Ausflug genommen haben. Alles erdenklich Gute weiterhin für Sie.

E.G.: Auch ich darf mich bedanken. Und grüßen Sie mir Wien!

Eduard Geyer, geboren am 7. Oktober 1944, zählt zu den erfolgreichsten Trainern in der Geschichte der DDR. Er ging als letzter Teamchef mit einer tollen Bilanz von 8 Siegen, 2 Remis und 2 Niederlagen eines versunkenen Landes ebenso in die Geschichte ein, wie auf dem nationalen Sektor als Coach der SG Dynamo Dresden. 1988/89 gelang es ihm, die jahrelange Vorherrschaft des beliebten Stasi-Klubs und Serienmeisters BFC Dynamo Berlin zu durchbrechen und den DDR-Titel an die Elbe nach Dresden zu holen. Mit dem erwähnten FC Energie Cottbus erreichte er das Pokalfinale und den Bundesliga-Aufstieg. Er vertritt auch heute noch die Ansicht, dass für den DDR-Fußball die Mauer zu früh gefallen ist. Wenn dies beispielsweise erst 1990 geschehen wäre, so ist felsenfest davon überzeugt, hätte er die DDR zur WM nach Italien geführt.

www.bundesliga.de

Bitte beachten Sie in diesem Zusammenhang auch jene Geschichte:

 

Zur Geschichte des DDR-Fussballs sehen Sie  h  i  e  r  bitte folgenden Film:

 

comments are closed.