Alexander Manninger / Österreicher erwartet man nicht

In der Zeit von 1999 bis 2008 absolvierte Alexander Manninger (Bildmitte) 34 Länderspiele für Österreich. Hier flankiert von Emanuel Pogatetz (links), sowie Andreas Ivanschitz (rechts). Foto: GEPA

In der Zeit von 1999 bis 2008 absolvierte Alexander Manninger (Bildmitte) 34 Länderspiele für Österreich. Hier flankiert von Emanuel Pogatetz (links), sowie Andreas Ivanschitz (rechts). Foto: GEPA

Nachdem der Fußball-Weltenbummler Alexander Manninger im heurigen Sommer einen Schlussstrich unter seine Torhüter-Karriere zog, war es für ihn nun an der Zeit, die letzten 22 Jahre, die er bei 11 Vereinen in 4 Ländern absolviert hatte, noch einmal Revue passieren zu lassen. Lesen Sie hier bitte nachstehendes Interview, rückblickend auf eine Torhüter-Laufbahn, die wohl einzigartig war.

Herr Manninger, nach ein wenig Abstand, bereuen Sie Ihren Schritt bereits?

Nein, auf keinen Fall, denn nach 22 Profijahren erlebe ich heuer einen Sommer ohne Vorbereitung. Diese fehlt mir ehrlich gestanden auch nicht und ich genieße es voll und ganz, diesen Druck nicht mehr zu verspüren. Nachdem ich mich im Februar d.J. endgültig dazu entschlossen habe, aufzuhören, hatte ich genügend Zeit, mich „auf die Zeit danach“ einzustellen. Und diese Zeit ist nun gekommen. Viele Kollegen beenden ihre Laufbahn in der Heimat bei kleineren Vereinen im Unterhaus. Dies habe ich bewusst gelassen, da ich 22 Jahre lang einen Top-Level genossen habe. Es hat mir sehr viel gegeben, dass ich in verschiedenen Ländern immer in der höchsten Spielklasse war. Darüber hinaus bin ich 40 Jahre alt. Zum Spielen in der Premier League (Anm.: 2016/17 stand Manninger bei Liverpool FC unter Vertrag) hätte es nicht mehr gereicht. Wenn es anfängt, dass es dort und da weh tut oder zwickt, dass die Schulter permanent schmerzt, dann sollte man aufhören. Und bevor bleibende Schäden entstehen, wollte ich schon selbst entscheiden, wann endgültig Schluss ist.

Auf die Frage, wie es nun mit ihm weitergeht, antwortete er:

Im Herbst 1995 stand Alexander Manninger (links) beim SK Vorwärts Steyr zwischen den Pfosten. Die Oberösterreicher spielen damals noch im Oberhaus. Foto: GEPA

Im Herbst 1995 stand Alexander Manninger (links) beim SK Vorwärts Steyr zwischen den Pfosten. Die Oberösterreicher spielen damals noch im Oberhaus. Foto: GEPA

Nach über 20 Jahren Wanderschaft freue ich mich auf die Rückkehr in meine Heimatstadt Salzburg, weil es glücklicherweise ein herrliches Fleckerl Erde ist. Es gibt dort alles, von Seen über Wälder und Tiere und in 4 Stunden bin ich am Meer. Ich kam ohnehin viel herum, doch selten war etwas gleichwertig. In London beispielsweise war es zwar schön zu arbeiten, doch dort eine Familie wachsen zu sehen, hätte ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen können. Die Stadt ist mir schlichtweg zu groß. Und beruflich war ich früher Tischler. Nachdem ich ein bisserl Abstand von dem ganzen Trubel habe, möchte ich mich neu orientieren. Es stört mich dabei auch nicht, in der Früh zeitig aufzustehen und etwas dazuzulernen. Ich war immer an Immobilien, an Ausstattung interessiert, an der Frage, wie man wohnt. Vielleicht bleibe ich aber auch dem Fußball erhalten. Spätestens dann, wenn mir der Geruch vom Rasen abgeht.

22 Jahre im Geschäft, oft jedoch „nur“ die Nummer 2. Welche Headline soll Ihre Karriere tragen?

Alles gesehen, alles erlebt – das würde so passen! Aber das positive überwiegt natürlich. Ich war der erste Österreicher in der Premier League und habe mir meinen Kindheitstraum von Italien erfüllen können und dort mit großartigen Weltmeistern gespielt. Mit dem FC Augsburg war ich dann wieder in der Liga des Weltmeisters. Und dass ich oft nur als „Zweier“-Goalie geholt wurde, stimmt zwar, dennoch konnte ich über 350 Pflichtspiele besteiten. Ich kenne Kollegen, die waren die Nummer 1 und haben nicht so oft auf diesem Level gespielt. Ich war die Nummer 2 – hinter Gianluigi Buffon. Titel zu gewinnen, mit – wie erwähnt – Weltmeistern zu spielen, Ziele des Klubs zu erreichen, ganz oben dabei zu sein – all das war mir wichtiger, als vielleicht 100 Spiele mehr zu absolvieren. Ich war bei Vereinen, bei denen Größeres im Vordergrund steht.

Und dennoch stand oft ein Vereinswechsel an;

Wer mehr will, muss die Komfortzone verlassen. Da muss man es schon auf sich nehmen, dass der Weg auch einmal steinig wird. Gewiss war der eine oder andere Wechsel ungeplant. Und es kam zu Punkten, an denen ich sagte: Ich brauche jetzt den Reiz zu spielen.

Internationale und denkbar unglückliche Feuertaufe im Dress des GAK gegen Internazionale Milano. Am 29. Oktober 1996 schied der Grazer AK gegen die Italiener erst im Elfmeterschießen aus dem Europapokal aus. Von links: GAK-Kapitän Zeljko Vukovic, Alexander Manninger, sowie der chilenische Ausnahmestürmer im Dress von Inter Mailand, Ivan Zamorano. Foto: GEPA

Internationale und denkbar unglückliche Feuertaufe im Dress des GAK gegen Internazionale Milano. Am 29. Oktober 1996 schied der Grazer AK gegen die Italiener erst im Elfmeterschießen aus dem Europapokal aus. Von links: GAK-Kapitän Zeljko Vukovic, Alexander Manninger, sowie der chilenische Ausnahmestürmer im Dress von Inter Mailand, Ivan Zamorano. Foto: GEPA

Trotz guter Stationen im Ausland wurden Sie in Österreich dauerhaft nicht zur Nummer 1;

Ja, das ist schade, aber es wollte einfach so nicht sein. Es lief nicht rund. Deshalb habe ich 2008 bereits früh meinen Rücktritt aus der Österreichischen Nationalmannschaft erklärt und diesen Schritt auch nie bereut.

Sie meinten einmal, dass der österreichische Pass eine Karrierebremse ist;

In früheren Jahren hat er mir auf keinen Fall weiter geholfen. Als Österreicher wartet keiner auf dich – vor 20 Jahren noch weniger als heute. Damals war es fast unmöglich, ins Ausland zu gelangen. Die österreichische Generation, in der ich spielte, war eine ganz andere als jetzt. Die Generation um David Alaba genoss eine perfekte Ausbildung in Akademien und hatte die Chance, schon mit 15 Jahren ins Ausland zu wechseln.

Sollte ein junger Keeper, sagen wir von 19 oder 20 Jahren, ein Angebot des FC Arsenal bekommen, was würden Sie ihm raten?

Ich würde ihm raten, am Maximum zu arbeiten. Man muss sein Potential immer ausreizen. Wenn man nicht gut genug ist, tritt so ein großer Verein gar nicht an einen heran. Die Top-Talente sind heutzutage ohnehin mit 20 Jahren bereits fertig.

Apropos fertig und Spieler-Verpflichtungen. Was halten Sie von den derzeitigen Summen bei Spieler-Käufen?

Die Rückkehr nach Salzburg dauerte nur eine Spielzeit. 2005/06 stand Alexander Manninger bei Redbull Salzburg unter Vertrag. Da damals dort jedoch Fototermine vor dem Spieltag und diverse Marketing-Verpflichtungen für den Verein wichtiger als alles andere schien, zog der Weltenbummler weiter. Foto: GEPA

Die Rückkehr nach Salzburg dauerte nur eine Spielzeit. 2005/06 stand Alexander Manninger bei Redbull Salzburg unter Vertrag. Da damals dort jedoch Foto-Termine vor dem Spieltag und diverse Marketing-Verpflichtungen für den Verein wichtiger als alles andere schien, zog der Weltenbummler weiter. Foto: GEPA

Also zu meiner Zeit war das alles noch nachvollziehbar, weil der Fußball im Vordergrund gestanden ist. Was sich heutzutage abspielt ist unmenschlich geworden. Italien war mein Kindheitstraum. Ich glaube nicht, dass jemand der heutigen Stars davon geträumt hat, in China zu spielen. Fußball ist nicht mehr nur ein Sport, sondern ein riesiges Marketing. Es schneiden nicht nur die Spieler bei Transfers mit, sondern auch deren Berater, Agenturen, Firmen, etc. Es sind sind viele Leute dabei, die mit Fußball gar nichts am Hut haben. Wohin soll das bloß führen?

Rubin Okotie meinte kürzlich in einem Interview, er ging nur des Geldes wegen nach China.

Ein ehrlicher Ausspruch von ihm. Aber da ist er wohl der einzige, der das zugibt.

Überhaupt – wie hat sich der Fußball Ihrer Meinung nach verändert im Laufe der Jahre?

Er wurde kurzlebiger und athletischer. Mit 28 Jahren bis du alt, mit 31 hören viele auf. Das hat zwei Gründe – einerseits ist der Fußballsport finanziell eine ganz andere Bühen und anderseits sind die Anforderungen gestiegen. Mit Mitte 30 ist es nicht mehr möglich, 50 Spiele hindurch auf dem gleichen Level zu agieren, wie beispielsweise ein 22-Jähriger. Wenn ich lese, dass über Thomas Müller diskutiert wird, ob er noch der ist, der er war, dann ist das doch verrückt. Der ist 27 Jahre und hatte als Stürmer eine durchwachsene Saison bei den Bayern, weil er nicht oft traf. Aber mannschaftsdienlich agierte er doch top hindurch die ganze Saison.

Die Jahre in Turin bei Juve zählen wir ihn zu den wertvollsten seiner Laufbahn. Mit dem Konkurrenz-Giganten Gianluigi Buffon im Tor verbindet Alexander Manninger eine persönliche und emotionale Bindung. Foto: GEPA

Die Jahre in Turin bei Juve zählen wir ihn zu den wertvollsten seiner Laufbahn. Mit dem Konkurrenz-Giganten Gianluigi Buffon im Tor verbindet Alexander Manninger eine persönliche und emotionale Bindung – auch heute noch. Foto: GEPA

Wie verspürten Sie selbst, quasi am eigenen Leib, den Generationen-Unterschied?

Nach einer Niederlage sind die jungen Kerle auch enttäuscht, das ist klar. Aber kurze Zeit später wird schon wieder gelacht, werden Fotos gemacht und abends wird weg gegangen. So etwas gab es für mich nicht. Die Talente von heute haben nur selten einen „drückenden Schuh“. Sie kennen Existenzängste nicht, weil sie bereits in sehr jungen Jahren mehr verdienen, als der bestbezahlteste Tischler. Ich bin weder neidisch noch sonst was, sondern froh, dass ich das nicht mehr mitmachen muss. 

Position Torhüter – wer ist Ihrer Meinung nach der Beste?

Manuel Neuer ist der Modernste, er prägte eine neue Spielweise. Doch Buffon, mit dem ich eine persönliche und emotionale Bindung habe, ist einfach technisch der Beste. Einem Torhüter-Talent kann ich nur raten, Buffon zu studieren. Neuer ist im modernen Spiel der effektivere, weil er Situationen früh bereinigt und am Spielaufbau mitwirkt. Wenn Buffon so viele Meter machen würde, wäre er in der Halbzeit schon müde. In Großbritannien haben sich Thibaut Courtois und David de Gea sehr gut entwickelt.

Na denn, dann dürfen wir Ihnen alles Liebe und Gute wünschen, vor allem für die „Karriere nach der Kariere“ und danken herzlichst für das Gespräch.

Auch ich habe zu danken – und freue mich schon auf die Zeit, die nun kommen wird.

 

Blick ins Karriere-Album von Alexander Manninger:

1984 bis 1995: SV Austria Salzburg

1995 bis Dezember 1995: SK Vorwärts Steyr

Jänner 1996 bis Juni 1996: SV Austria Salzburg

1996/97: Grazer AK

1997 bis August 2001: FC Arsenal

August 2001 bis 2002: AC Florenz

Jänner 2003 bis Juni 2003: AC Turin

2003/04: FC Bologna

2004/05: AC Siena

2005/06: FC Redbull Salzburg

2006 bis 2008: AC Siena

August 2008 bis 2012: Juventus Turin

November 2012 bis 2016: FC Augusburg

2016/17: FC Liverpool

 

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