A40 – Geschichten von hier / Frank Goosen

Frank Goosen CD A40_Geschichten von hier_roofmusic.de_Scan oepb.atDies ist kein Lieblingslied

Natürlich wollte ich auch mal weg hier, aber das ist lange her. Es hatte mit meinem ersten Auto zu tun, einem dunkelgrünen Ford Taunus, Baujahr 1971, mit vier Türen, runden Lampen und mottenfarbenen Liegesitzen. Und damit, dass ich mit 20 nicht viel älter war als mit 15, mit der merkwürdigen Zeit nach dem Abitur und vor dem Studium, mit der Tatsache, dass ich ein winziges Appartement unterm Dach im Haus meiner Eltern hatte, wo ich in langen, heißen Sommernächten auf dem Bett lag und versuchte, wenigstens für ein paar Minuten meinen Namen zu vergessen. Ich hörte laute Musik, bis sich jemand beschwerte, dann setzte ich den Kopfhörer auf und drehte die Lautstärke noch weiter auf.

Eines Nachts – Juli oder August 1986 – nahm ich eine Tasche aus dem Schrank, stopfte ein paar Sachen und viele Musikcassetten hinein, kratzte mein Geld zusammen, zog die Jeans-Jacke an, stürzte die Treppen hinunter und verließ das Haus. Der Wagen stand gegenüber, gleich neben der Litfasssäule, auf der seit Wochen eine Zigarettenwerbung den Geschmack von Freiheit und Abenteuer versprach. Ich warf die Tasche auf den Rücksitz, stieg ein und fuhr los.

Carola wohnte in der Nähe der Uni in einem weiß geklinkerten Flachdach-Bungalow. Ihr Zimmer ging im Souterrain zur hinteren Terrasse hinaus. Ein paar Mal hatte ich spät in der Nacht diesen Ausgang benutzt, wenn ihre Eltern schon schliefen und ich nicht durchs ganze Haus zur vorderen Tür schleichen wollte. Leider war in diesen Nächsten nicht halb soviel passiert, wie alle glaubten und wie ich mir erhofft hatte.

Während der Fahrt hörte ich Musik, immer wieder die gleiche Nummer, die, die mich überhaupt dazu gebracht hatte, mich um diese Zeit mit diesem speziellen Plan im Kopf auf den Weg zu machen.

Ich ließ den Wagen in einiger Entfernung vom Haus unverschlossen und mit heruntergelassenen Scheiben stehen. Das hier war eine gute Gegend, und wer sollte schon einen 15 Jahre alten Ford Taunus klauen, dessen Schaltknüppel sich im dritten Gang aus der Verankerung löste?

Ich ging um das Haus herum, fand die schmale Lücke in der Ligusterhecke, zwängte mich hindurch und schlich über die Terrasse. Ich legte meine Hände ans Glas und sah hinein. Carola lag bäuchlings auf dem Bett, ein Bein ausgestreckt, das andere angewinkelt. Ich klopfte leise an die Scheibe, aber sie rührte sich nicht. Ich klopfte stärker und sie zuckte zusammen und fuhr hoch. Als sie mich erkannte, stand sie auf und öffnete die Tür.

„Was willst DU denn hier?“
Sie ließ mich rein und warf sich wieder aufs Bett. Ich sagte ihr, weswegen ich gekommen sei. Sie meinte, ich sei nicht ganz dicht.
„Wir haben darüber geredet. Mehr als einmal. Du hast gesagt, du kommst mit.“
Carola seufzte: „Es ist mitten in der Nacht, ich bin müde. Ich bin erst um 2 Uhr ins Bett gekommen.“
„Um diese Zeit ist die A40 noch nicht so voll. Bevor die Staus anfangen, sind wir in Holland.“
Sie setzte sich auf die Bettkante und strich sich die Haare zurück: „Du meinst es wirklich ernst, was?“
Ich sagte nichts.
„Mein Gott“, stöhnte sie. „Was man eben so rumspinnt, wenn man eine ganze Flasche Wein intus hat.“
„Soll das heißen, es war nicht ernst gemeint?“
„Weißt du was? Lass uns morgen noch mal darüber reden. Irgendwo ne Pizza essen und dann sehen wir weiter. Ich bin jetzt einfach nur müde.“

Sie kippte nach hinten, zog ihre Beine an und kroch Richtung Kopfende. Ich sah mich um. Das Zimmer war sehr unordentlich. Überall lagen Kleidungsstücke und Schallplatten herum. Auf dem Nachttisch neben dem Rattanbett eine offene Packung Drum. Ich wartete noch ein paar Minuten, bis sie wieder eingeschlafen war. Vielleicht tat sie auch nur so. Ich ließ die Tür offen stehen. Die ganze Sache hatte vielleicht 10 Minuten gedauert, doch als ich zu meinem Auto zurückkam, lag meine Tasche nicht mehr auf dem Rücksitz. Um die paar T-Shirts, die Unterhosen und die zweite Jean war es nicht schade. Aber es würde mich Wochen kosten, die 20 Cassetten neu aufzunehmen.

Wenigstens steckte die, die ich vorhin gehört hatte, noch im Recorder. Ich ließ den Wagen an, fuhr durch die Gegend und hörte „Thunderroad“ von Bruce Springsteen, die sparsame Live-Version, die Geschichte von einem, der mit dem Wagen bei einer Frau vorbeifährt, um mit ihr durchzubrennen.

Rechtzeitig zum Frühstück war ich wieder zu Hause.

Erzähler und Autor Frank Goosen, geboren 1966, tingelt seit zweieinhalb Jahrzehnten als Kabarettist und Komiker über die Kleinkunstbühnen Deutschlands. Der bekennende – und somit auch an Leiden gewöhnte – Fußball-Fan des VfL Bochum feierte mit dem Programm „Echtes Leder – Geschichten aus der Tiefe des Raumes“ große Erfolge. Mit seinen zu Bestsellern avancierten Romanen „Liegen lernen“, sowie „Pokorny lacht“ hat er sich auch als Autor einen verdienstvollen Namen gemacht. 2003 erhielt Frank Goosen für sein bisheriges Werken und Wirken den „Literaturpreis Ruhrgebiet“. Goosen verfasst auch im deutschen Sportmagazin „kicker“ unter der Rubrik „abpfiff“ stets amüsante Kolumnen über – no na – seinen Lieblingsverein, den VfL Bochum. Diese Erzählungen sind hautnah am Geschehen und am (Fußballfan)-Leben dran, sodass diese den Leser immer wieder erheitern, fesseln, berühren und auch zu Tränen der Heiterkeit rühren.

Auf dieser seiner Hör-CD „A40 – Geschichten von hier“ plaudert Goosen anhand eines Live-Mitschnitts in 73 Minuten über Erlebtes aus dem Leben. Sei es die Erinnerung an die Großeltern – im Ruhrgebiet heißen die Omma und Oppa – an den „Zauber an der Bude“ – gemeint sind damit die permanent geöffneten Kioske, anhand dieser man nicht nur alles kaufen kann, sondern wo auch stets über Gott und die Welt palavert und politisiert wird, er schildert herrlich pointiert mit seinem Kumpel Skotty eine Ausfahrtsfahrt des VfL nach Gelsenkirchen-Buer zum FC Schalke 04 mit gleichzeitiger 1 : 2-Schlappe seines Teams und noch viele andere herrliche Bonmots aus dem Leben eines echten „Ruhrpötters“.

Die Menschen dort, so heißt es stets, sind von einem ganz eigenen Schlag. Wer den kennt, und auch die Menschen dort gut leiden mag, für den ist diese CD ein absolutes Muss. Wer mit den Ruhrgebiets-Menschen noch nicht so vertraut ist, dem sei Frank Goosen wärmstens empfohlen. Behutsam stellt er sich und die Seinen vor, Menschen wie Du und ich, aus dem Ruhrgebiet eben.

Zur CD-Bestellung erschienen bei ROOFMUSIC

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