9. NÖ Impftag / Wie umgehen mit Impfskeptikern

Von links: Ao. Univ.-Prof. Dr. Michael Kundi, Prim. Univ-Prof. Dr. Karl Zwiauer, Dr. Irmgard Lechner, OA Dr. Robert Weinzettel, Mag. pharm. Peter Gonda. Foto: Ärztekammer für Niederösterreich

Von links: Ao. Univ.-Prof. Dr. Michael Kundi, Prim. Univ-Prof. Dr. Karl Zwiauer, Dr. Irmgard Lechner, OA Dr. Robert Weinzettel, Mag. pharm. Peter Gonda. Foto: Ärztekammer für Niederösterreich

Der 9. NÖ Impftag, der am kommenden Samstag, 10. März 2018 im Stift Göttweig stattfindet, wird sich intensiv mit Methoden und Argumenten von Impfskeptikern, Impfkritikern und Impfgegnern auseinandersetzen. Was sind die Befürchtungen dieser Menschen und wie kann man sie von der Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit des Impfens überzeugen? Entsprechende Informationen und fachliches Wissen sollen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern am 9. NÖ Impftag vermittelt werden.

Der Initiator des NÖ Impftags, Prim. Univ-Prof. Dr. Karl Zwiauer, Mitglied des Impfgremiums des Gesundheitsministerium, erklärt die Entscheidung für das heurige Thema „Impfskeptiker  Impfkritiker und Impfgegner“ folgendermaßen: „Eine Gruppe von Menschen, die Impfungen skeptisch gegenüber stehen, hat es immer schon gegeben, doch in den letzten Jahren ist sie weiter angewachsen. Wichtig ist, zu wissen, dass Impfgegner durchaus auch finanzielle Interessen haben. Immer wieder wird offensichtlich, wie sie Verunsicherung, Unwissen und generelle Wissenschaftsskepsis aus Eigeninteresse nutzen. Das soll unter anderem auch am 9. Impftag thematisiert werden.“

Impfdebatten gibt es nicht nur hierzulande, aber Ao. Univ.-Prof. Dr. Michael Kundi vom Zentrum für Public Health der MedUni Wien ist sicher, dass die Impfskepsis auch in Österreich zunimmt. Zur Abgrenzung von Impfskeptikern und Impfgegnern meint er: „Impfskeptiker sind mit Argumenten erreichbar, während echte Impfgegner unbelehrbar sind.“ Eine Einschätzung, die OA Dr. Robert Weinzettel, Impfreferent der NÖ Ärztekammer, teilt: „Die meisten Impfkritiker sind nicht explizit Impfgegner, sondern eher Impfskeptiker, die unsicher sind, wie sie sich entscheiden sollen.“ Die Ursache dafür ortet er in erster Linie bei den neuen Medien: „Über das Internet verbreiten sich die Theorien der Impfgegner natürlich sehr viel schneller als früher und die Menschen lassen sich durch das geschriebene Wort leicht verunsichern. Noch dazu weil es beim Impfen ja um einen gesunden Körper geht und um Erkrankungen, die nicht präsent sind, die die Menschen also nicht sehen.“ Zwiauer bricht eine Lanze für die Mündigkeit der Patienten: „Impfskeptiker sind nicht Impfgegner. Neugierige, offene Skepsis ist eine durchaus legitime und einem mündigen Patienten zustehende Eigenschaft. Das Wort kommt ja aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie betrachten, sehen, untersuchen und überlegen.“ Schließlich können nicht nur falsche Informationen, sondern auch das Fehlen richtiger Informationen problematisch sein, wie Mag. pharm. Peter Gonda, Präsident der Apothekerkammer Niederösterreich, erklärt: „Mangelndes Wissen über Impfungen führt häufig zu Irrtümern, die oftmals Impfskeptiker zu Impfgegnern mutieren lassen. Daher ist es enorm wichtig, dass wir Apotheker in unseren Betrieben zum Thema Impfen unermüdlich aufklären.“

Im Unterschied zu Impfskeptikern haben Impfgegner oft eigene Interessen. Dr. Irmgard Lechner, Landessanitätsdirektorin in Niederösterreich betont: „Eine kleine Gruppe harter Impfgegner ist äußerst aktiv und gut organisiert. Sie beherrschen effektive PR-Techniken und bieten handwerklich sehr gut gemachte Informationsangebote verbunden mit Platzierung von Websites und niederschwelliger Penetration durch „social media“ Aktivitäten, z.B. auf Facebook oder in Foren. Mütter und Väter, deren vorrangigstes Ziel ist, ihren Kindern nicht zu schaden, werden mit diesen Informationen alleine gelassen.“ Die Niederösterreichische Sanitätsdirektion hat im September 2017 eine Impf-Info Tour durchgeführt, wie Lechner berichtet: „Dabei haben wir in zehn Tagen 20 Städte besucht und Impfberatungen durchgeführt. In zahlreichen Gesprächen mit der Bevölkerung ist vor allem die massive Verunsicherung junger Eltern aufgefallen. Durch die Fülle an kontroversen Informationen, besonders im Internet, ist es für medizinische Laien nicht mehr möglich, zwischen seriöser Information und Polemik von Impfgegnern zu unterscheiden.“

Umgang mit Impfskeptikern erfordert Zeit, Einfühlungsvermögen und fundiertes Wissen
Verdrehte Fakten, inkorrekt interpretierte Studien und gezielte Falschinformationen führen zur Verunsicherung vieler Leute. „Es kursieren in Broschüren und Internetauftritten von Impfgegnern Behauptungen, die Impfungen in kausalen Zusammenhang mit nahezu jeder chronischen Krankheit bringen. Die Widerlegung solcher Behauptungen ist mühsam, aufwändig und bindet Ressourcen, die anderweitig besser eingesetzt wären. In keinem einzigen Fall hielten bislang diese Behauptung eines Zusammenhangs der empirischen Prüfung stand.“, berichtet Kundi.

Vor allem Eltern Neugeborener oder kleiner Kinder machen sich Sorgen, mit Impfungen ihrem Nachwuchs möglicherweise mehr zu schaden als zu nützen. Zwiauer betont: „Diesen Eltern gilt unser aller große Empathie. Wir müssen sie mit wirklich objektiven, evidenz-basierten und aus der naturwissenschaftlichen Erkenntnis kommenden Fakten und Daten in einer für sie verständlichen Form beraten.“ Kinderarzt Weinzettel kennt die Sorgen unsicherer Eltern: „Die Nebenwirkungen der Impfungen sind das häufigste Thema“, meint er und erläutert seinen Umgang mit Impfskeptikern folgendermaßen: „Wichtig ist es, sich viel Zeit zu nehmen, mit den Eltern zu sprechen, alle ihre Fragen zu beantworten. Ich versuche nicht, sie zu überreden, sondern sie einfach zu informieren. Einige kommen nach ein paar Tagen oder nach einer Woche wieder und lassen ihre Kinder impfen. Bei anderen, nämlich bei jenen, die schon mit vorgefasster Meinung und starrer Ablehnungshaltung kommen, ist es aber zwecklos. Wir versorgen in unserer Ordination aber alle Kinder, egal welche Einstellung die Eltern bezüglich Impfungen haben. Würde man das nicht tun, bestünde die Gefahr, dass diese in den paramedizinischen Bereich abgleiten und im Krankheitsfall nicht richtig versorgt werden.“

Impfbewusstsein schaffen statt genereller Impfpflicht
In der Kommunikation mit Impfskeptikern ist es unerlässlich, am letzten Stand der Wissenschaft zu sein und fundiertes Wissen über die aktuellen Fragen und Diskussionspunkte von Impfungen zu haben, um auf die aktuellen und gerade kursierenden Gerüchte, Verunsicherungen und Behauptungen eingehen zu können. „Für die Gesundheitsberufe muss die Wiedererlangung der Deutungshoheit über die Impfthematik das zentrale Anliegen sein. Dann kann mit Informationen auf Grundlage der evidenzbasierten Medizin die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung gestärkt werden. Seriös informierte und kompetente Eltern können dann aus ihrem Wissen um Nutzen und Risiken von Impfungen frei entscheiden. Ich bin mir sicher, dass diese Entscheidung dann in den allermeisten Fällen pro Impfung ausfallen wird. Dies betrifft aber nicht nur junge Eltern, sondern alle Bevölkerungsgruppen.“, ist Lechner überzeugt.

Impfen ist und bleibt die effektivste und kostengünstigste Maßnahme, sich vor gewissen Krankheiten zu schützen. Daher sehen es auch Apothekerinnen und Apotheker als eine ihrer wichtigsten Aufgaben, das Impfbewusstsein in der Bevölkerung zu stärken. „Die fundierte Information und persönliche Beratung in den Apotheken liefern dazu sicher einen wesentlichen Beitrag.“, berichtet Gonda und meint weiters: „Nebenwirkungen – wenngleich extrem selten – gibt es leider tatsächlich und es wäre falsch, diese Tatsache gänzlich unerwähnt zu lassen. Das bedeutet: Die Ängste der Menschen ernst nehmen und auf die individuelle Problematik eingehen. In Anbetracht der möglichen schweren Folgen der Erkrankungen, die durch Impfungen vermeidbar sind, wie z.B. FSME, Meningokokken-Meningitis oder Hepatitis, wird das Risiko, einen Impfschaden zu erleiden, mehr als relativiert. Dies gilt es, den Patienten möglichst plakativ und eindringlich zu vermitteln.“

Auch Lechner fordert: „Die Bedeutung von lebenslangem Impfen für den Erhalt der Gesundheit gilt es klar verständlich zu machen. Die Diskussion über eine allgemeine Impfpflicht erübrigt sich dann.“ Von einer solchen hält auch Weinzettel nichts: „Studien aus der Psychologie belegen, dass eine Impfpflicht kontraproduktiv ist. Sie treibt die Leute noch mehr in den Widerstand. Gescheiter wäre eine Opt-Out-Option, also dass diejenigen, die sich bzw. ihre Kinder nicht impfen lassen, eine schriftliche Erklärung abgeben müssen. Das würde vermutlich jene, die man relativ leicht überzeugen kann, rasch in den ‚Impfpool‘ bringen.“ Wichtig wäre auf jeden Fall, dass sich alle Menschen, die beruflich viel mit anderen in Kontakt kommen, impfen lassen. Daher appelliert Zwiauer an die Eigenverantwortlichkeit des Gesundheitspersonals: „Für alle Personen, die im Gesundheitswesen an vorderster Front stehen und mit Patienten zu tun haben, denen sie durch ihr `Nicht-geimpft-sein´ schaden können, halte ich eine Impfpflicht – sollte keine Bereitschaft bestehen, sich impfen zu lassen – für eine ethische Verpflichtung der Gesellschaft.“

Impfaktion in den Apotheken und elektronischer Impfpass auf der Apo-App
Impfaktionen für die Bevölkerung durchzuführen, ist eine wichtige gesundheitspolitische Aufgabe. Daher bieten die österreichischen Apotheken auch heuer wieder die FSME-Impfstoffe für Erwachsene und Kinder bis 31. Juli 2018 zu einem Sonderpreis an. Diese seit vielen Jahren durchgeführte Aktion ist mit ein Grund dafür, dass die Impfung gegen FSME mit einer Durchimpfungsrate von 90 Prozent die am besten akzeptierte Schutzimpfung in Österreich ist.

Ein weiteres Service stellt der elektronische Impfpass dar, der über die Apo-App der Österreichischen Apothekerkammer genützt werden kann. Impfstoffe können darin aus einer Liste ausgewählt, eingescannt oder selbst eingegeben werden. Abrufbar sind auch die offiziellen Impfempfehlungen für alle Altersgruppen des Gesundheitsministeriums. Neben den Informationen zu Impfungen können auch persönliche Erinnerungen für die nächste Auffrischungsimpfung erstellt werden. Somit wird keine Impfung mehr vergessen und der Impfschutz ist sicher dokumentiert. Für Eltern besonders praktisch: Es können mehrere Impfpläne parallel erstellt und Impferinnerungen für die ganze Familie eingegeben werden. Selbstverständlich ist der Datenschutz gewährleistet, denn die persönlichen Daten bleiben ausschließlich auf dem eigenen Smartphone gespeichert.

Impfplan 2018
Im Österreichischen Impfplan 2018, der noch übersichtlicher und lesbarerer gemacht wurde, gibt es einige wesentliche Präzisierungen, praktikable Tabellen für Nachholimpfungen und für die Influenza sowie z.B. ein neues Kapitel über den Off-Label-Use. Ein eigenes Kapitel ist der Vermeidung von Schmerzen beim Impfen gewidmet.

Neuerungen und Änderungen im Impfplan 2018

Neue Kapitel zu folgenden Themen:
–  Off-Label-Use
–  Möglichkeiten zur Schmerzreduktion beim Impfen
–  Inhaltsstoffe von Impfstoffen

Präzisierung und Ergänzung bzw. Aktualisierung folgender Kapitel
–  Impfabstände
–  Vorgehen bei versäumten Teilimpfungen/Auffrischungen
–  Tabellen zu Nachhol-Empfehlungen
–  Vorgehen bei Lieferengpässen von Impfstoffen mit azellulärer Pertussiskomponente

Präzisierung und Ergänzung zu folgenden Impfungen:
–  Hepatitis A
–  Influenza
–  Pertussis
–  Masern
–  Meningokokken B
–  Reiseimpfungen
 

www.apothekerkammer.at

www.arztnoe.at

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