9. April 1988 / FC Bayern München gg. FC Schalke 04 8 : 1 (5 : 1)

Die Anzeigetafel lügt nicht. Nachdem Schalke 04 im Herbst 1976 in München gegen die Bayern mit 7 : 0 gewann, setzte es im Frühling 1988 ein 1 : 8-Debakel. Foto: oepb

Die Anzeigetafel lügt nicht. Nachdem Schalke 04 im Herbst 1976 in München gegen die Bayern mit 7 : 0 gewann, setzte es im Frühling 1988 ein 1 : 8-Debakel. Foto: oepb

Es handelte sich dabei um jene Teenager-Jahre, die an den Wochenenden einzig und allein auf den Fußballplätzen und in den Stadien verbracht wurden. Nach absolvierter beruflicher Wochen-Arbeit wurde am frühen Freitag Nachmittag noch rasant für die Familie der Kühlschrank für das anstehende Wochenende aufgefüllt.

Die Familie besaß keinen PKW und so besorgte man einfach mit dem Drahtesel ausgestattet die sperrigen Dinge wie Mineralwasser, Milch, Saft, Brot, Joghurt etc. und das meist gleich für eine ganze Woche.

Hernach noch rasch den engsten Familien-Angehörigen das Beste für die kommende Zeit gewünscht – das Portemonnaie ward mit ein paar Hundertern (Schillingen) aufgefüllt – und fort war man.

Drei bis vier Fußballspiele waren keine Seltenheit

An diesem hier geschilderten Wochenende besuchte man zwar „nur“ zwei Matches, ansonsten aber galt es auch an den Sonntagen noch Matineen und Nachmittags-Begegnungen aufzusuchen. So begann also dieses Fußball-Wochenende – wie damals so oft davor, und/oder auch danach – erneut im „Cafe Amber“, gelegen an der Linzer Blumauer Kreuzung vis-á-vis des UKH (Unfallkrankenhaus). Kein Mensch damals wusste, dass Jahrzehnte später dort einmal ein Musiktheater platziert sein würde. Man traf zahlreiche Kumpels und pilgerte im Anschluss per pedes hinauf auf „Gugls Höhen“. Man ging überhaupt sehr viel zu Fuß damals.

Das Abendspiel unter Flutlicht im Linzer Stadion lautete SK VÖEST Linz gg. SK Austria Klagenfurt. Beide Vereine agierten im „Mittleren Play-Off“ und spielten um Sein oder Nicht-Sein. Beide Vereine waren im Herbst 1987 noch „oben“ anzutreffen, da man allerdings nach 22 Herbstrunden „nur“ den 9., beziehungsweise den 11. Tabellenplatz belegte, hieß die Ernüchterung im Frühjahr eben „Kampf um den Verbleib im Oberhaus“. Der SK VÖEST war, wie so oft in jener Zeit im Play-Off, Favorit, wurde aber dieser Favoritenrolle nicht gerecht. Klagenfurt war vor knapp 2.000 Zuschauern der erwartet unangenehme Gegner und die vier Tore zum 2 : 2-Endstand passierten allesamt erst in der zweiten Halbzeit. Bitter für die VÖEST´ler war, dass der Ausgleich zum Remis Alexander Sperr im Zuge eines herrlichen Eigentores in der 90. Spielminute „gelang“.

Der April stand für Regen

Die April-Monate in jenen Jahren waren mit diesen von heute nicht zu vergleichen. Das Wetter war oft trist, die Bäume noch sehr kahl und es goss oftmals wie aus Kübeln. So auch an jenem Freitag Abend. Die „Gugl“ hatte im Stehplatzbereich noch keine Überdachung, dies tat der Begeisterung der SK VÖEST-Anhänger für ihr Team allerdings keinen Abbruch. Unermüdlich feuerten sie ihre Mannschaft an, vergeblich, wie sich herausstellen sollte. Dennoch führten die Werkssportler die Tabelle nach 5 gespielten Runden an und guter Dinge, was die Zukunft des heimischen Teams anlangte, marschierte man vom Regen völlig durchnässt in die Linzer Innenstadt. Dort war am Weg in die Altstadt meist der erste Anlauftreffpunkt das „Cafe Austria“ in der Klosterstraße. An jenem Abend blieb man auch bis zur Sperrstunde, die meist nach Mitternacht war, dort.

Der Pass ist am Mann

Zu damaliger Zeit gehörte der Reisepass zum steten Begleiter. Eine uneingeschränkte Reisefreiheit durch Europa gab es noch nicht und langwierige Passport-Kontrollen an den diversen Schlagbäumen rund um Österreich standen oftmals an der Tagesordnung. Bei dem einen oder anderen wärmenden Getränk dachte man laut über einen Hopp nach München nach. Das Lokal von Peter Possart war gut besucht, zahlreiche Teenager-Pärchen freuten sich auf das nun anstehende Wochenende und die Fußballfan-Singles schmiedeten Pläne, wohin die Reise wohl diesmal gehen sollte. Da nützte es auch gar nichts, dass das eine oder andere anwesende und nicht unhübsche Single-Mädchen die Jünglinge zum Verweilen und zu Hause bleiben becircen wollte, denn die Wochenenden damals standen unter dem Motto: „Fahren, fahren, fahren – völlig Wurscht wohin, Hauptsache fahren!“

 München ist nicht weit

Torhüter Harald „Toni“ Schumacher, der sich im Frühling 1987 seine langjährige Karriere beim DFB und dem 1. FC Köln anhand des veröffentlichten Buches „Anpfiff“ vorerst zum Abpfiff gemacht hatte, heuerte im Sommer 1987 beim FC Schalke 04 an. Und – die Knappen waren schlecht in diesem Jahr, sehr schlecht sogar. Genau genommen erreichten nur Schumacher und der aufstrebende Jungstar Olaf Thon Normalform, der Rest der „Königsblauen“ agierte teilweise überaus stümperhaft. Dennoch reise der FC S.04 an 16. Stelle der Bundesliga liegend mit der Empfehlung eines 3 : 0-Triumphes über Borussia Dortmund nach München und die Zweitplatzierten Bayern verloren die Runde zuvor mit 1 : 3 in Bremen.

Mitstreiter fanden sich immer

Hinein in diese fußballerischen Fachgespräche gesellten sich stets rasch Freunde und ähnlich gelagerte Freaks, die spontan für Reise-Trips zu haben waren. So natürlich auch an jenem Abend. Also machten sich vier Burschen auf, um nach der absolvierten „Polizeistunde“ die Klosterstraße zu verlassen und erneut „auf Schusters Rappen“ – das allerdings nur, weil die Tramway bereits Feierabend hatte und in der Remise im Linzer Stadtteil Kleinmünchen stand – in Richtung Linzer Hauptbahnhof loszuziehen.

Der „Alpenrhein“ vom Westbahnhof

Dieser Zug gehörte damals quasi zur Familie. Er verließ den Wiener Westbahnhof allabendlich um 00.15 Uhr. Im Anschluss daran wurde der gesamte Bahnhof abgesperrt und der gründlichen Reinigung durch die ÖBB-Heinzelmännchen unterzogen. Erst um 04:40 Uhr verließ wieder der nächste Zug die Bundeshauptstadt in Richtung Westen. Je nach dem wie lange der Aufenthalt in Pöchlarn andauerte – dort wurden damals immer unzählige Postsäcke ab- und aufgeladen – so war auch sein zeitliches Eintreffen in Linz. Kurioserweise hatte der „Alpenrhein“ allerdings auch nie Verspätung. Zumindest dann nicht, wenn wir mit ihm reisten, und das kam wirklich sehr oft vor. Wir trafen also gegen 1 Uhr früh, getrocknet und fröhlich in der Schalterhalle – der Linzer Hauptbahnhof verfügte seinerzeit über eine Abfahrtshalle, die bei den Löwen war, und eine Ankunftshalle, bei der meistens die Taxis standen – ein und blödelten dort mit dem ÖBB-Bediensteten herum, der völlig allein gelassen seinen Dienst versah, meist mit dem Schlaf kämpfte und dagegen nur gewinnen konnte, wenn er etwas zu tun hatte. Also kauften wir ihm kurzerhand vier Fahrscheine für eine Reise nach München und wieder zurück ab. Diese Prozedur dauerte eine ganze Weile, aber wir hatten ja ohnehin Zeit, denn der Alpenrhein befand sich noch irgendwo auf der Westbahnstrecke. Apropos Westbahn – damals fuhr einzig und allein die ÖBB durch Österreich.

LINZ HAUPTBAHNHOF – LINZ HAUPTBAHNHOF – GEKÜRZTER AUFENTHALT

Diese am Tag mehrmals stattfindende Perron-Durchsage durch einen ÖBB-Stationsvorsteher gab es um 2 Uhr früh naturgemäß nicht. Man war auch ziemlich alleingelassen am Bahnsteig, bloß ab und an brauste ein Güterzug durch und sorgte so für frischen Wind im zerzausten Jünglings-Haar. Pünktlich wie die Maurer traf unser aller Freund „Alpenrhein“ dann in Linz ein und hatte gut eine halbe Stunde Aufenthalt. Erst um 02.33 Uhr sollte die Fahrt nach Sargans in der Schweiz und seinem Endzielbahnhof fortgesetzt werden. Das tat er dann auch und gegen 4 Uhr früh erreichten wir Salzburg Hautpbahnhof. Dort schlief natürlich auch noch alles, bloß die deutschen Zöllner waren hellwach. Wir mussten in Salzburg umsteigen und durch den Zoll marschieren. Die Deutschen Grenzer waren direkt am Salzburger Hauptbahnhof stationiert und beäugten uns stets misstrauisch, mussten uns jedoch auch immer wieder passieren lassen. Was könn(t)en vier junge und dumme Fußballfans schon viel an- und ausrichten? Mit der Deutschen Bahn ging es gegen 04.30 Uhr weiter.

Weißwurstmetropole Minga

Den Münchner Hauptbahnhof, einen Kopfbahnhof, erreichten wir nach zwei Stunden Reisezeit. Dort sperrten langsam aber sicher sämtliche Trafiken – die Deutschen sagen Kiosk dazu – und andere Geschäfte – Läden in Deutschland – auf. Wir bezogen, nachdem uns bereits zeitig früh des Morgens die Deutsche Bank am Bahnhof – der Begriff Euro und eine gemeinsame Währung für Europa schien damals Lichtjahre entfernt zu sein – unsere mitgebrachten Schillinge in DM wechselte, bei „d´ Schwemm“ Stellung und beobachteten das muntere Treiben. Bei einem riesigen Bierfass das erste gute Bier zeitig früh des Morgens im Stehen genossen – Fußballfan-Herz, was willst Du mehr? Plötzlich, nach einem zweiten Bier, ein riesiges Aufsehen. Eine Hundertschaft an Polizei samt Hundestaffel stürmte das Bahnhofsareal. Vor dem Bahnsteig, auf dem der Sonderzug aus Gelsenkirchen eintreffen sollte, bezogen sie Stellung. Sie standen dort. Eine ganze Weile. Dann trudelte er ein, der Zug aus GE. Gemütlich, langsam, und auch pünktlich. Die Lokomotive näherte sich im Schritttempo und immer langsamer werdend dem Prellbock. Einen guten Meter davor kam sie zum völligen Stillstand. Der Zug, er war da. Aus Gelsenkirchen. Mit den Fußballfans an Bord. Vom FC Schalke 04. Gefürchtet. Damals. Der Zug, er stand. Nichts! Stille! Wie von Geisterhand öffneten sich die Türen. Wieder nichts! Kein Mensch war in dem Zug. Die gut 700 Schalke-Fans wollten der Polizei ein Schnippchen schlagen und verließen kurzerhand und einträchtig bei München Ostbahnhof ihren Sonderzug. Die Überraschung war gelungen und perfekt. In Windeseile und im Sauseschritt zog die uniformierte Staatsmacht dermaßen rasch wieder ab, so, wie sie gekommen war. Mit Blaulicht und Sirenengeheul düsten die Fahrzeuge in Richtung Stachus und Münchner Karlsplatz ab.

Fußballfans dürfen da nicht rein

Einen Besuch in München damals mitunter nicht im Hofbräuhaus zu erleben, dies glich einer Sünde, die man nicht begehen wollte. Interessant wurde es beim Eingang, da die Security dort meinte, dass die vier Linzer auch Fußballfans seien. Wenn dem nämlich so wäre, dann dürfe man just und gerade heute nicht hinein. Zuviel sei mit zu tief fliegenden Maßkrügen in den Jahren zuvor bereits passiert. Nun, man war natürlich kein Fußballfan, sondern ohnehin Tourist. Das war etwas ganz anderes, also öffneten sich die Tore. Und siehe da, das Hofbräuhaus war komplett in Blau und Weiß gehüllt. Darin saßen zwar keine „Löwen“, aber eben die Schalker, größtenteils alle vom Sonderzug direkt dorthin gelangt.

HURRA, HURRA, DIE SCHALKER DIE SIND DA

Unnötig zu erwähnen, dass es im Hofbräuhaus auch ohne Maßkrug-Tiefflieger lustig zuging. Die Kellner hätten allesamt Rollschuhe benötigt, so durstig waren alle und auch der an diesem Tag bitterlich weinende Himmel tat der Begeisterung keinen Abbruch. Irgendwann war dann ein kollektiver Aufbruch in Richtung Olympiapark angesetzt. Das Hofbräuhaus leerte sich zusehends. Dafür wurden die U-Bahnzüge immer voller, jedoch waren diese nicht so stark frequentiert, wie man es heutzutage kennt.

Olympiastadion München, 15.30 Uhr

Die Deutsche Fußball-Bundesliga, so, wie man sie heute kennt, existiert seit der Saison 1963/64. Und auch seit jener Zeit wird leidenschaftlich gerne am Samstag um 15.30 Uhr angepfiffen. Dieser Richtwert ist trotz aller Fernseh- und Bezahl-TV-Diktatur großteils bis heute aktuell. Und – es war damals auch noch möglich, sich direkt am Spieltag an den diversen Kassen gemütlich für jede Kurve oder für jeden Sektor eine Karte zu besorgen. Die Preise für den Stehplatz mit 10 Mark waren human und mit ein bisserl Glück konnte man unter dem Dach stehen, denn ein zweites Mal an jenem Wochenende pitschnass zu werden, das wollte man sich tunlichst ersparen.

Alle Acht-ung

Was sich dann vom Anpfiff an am Rasen für die 16.500 Zuschauer – darunter gut 2.000 Schalke-Anhänger – abspielte, war Fußball in Reinkultur. Die Knappen hatten vom Anstoß weg nicht den Funken einer Chance und die Bayern überrollten die Königsblauen, die zuvor allerdings noch mit 0 : 1 in Führung gegangen waren. Zur Pause stand es bereits 5 : 1, mit 8 : 1 demoralisierten die Münchner ihren Gegner. Das 1 : 8 aus Schalker Sicht war ein Knackpunkt für den weiteren Verlauf der Meisterschaft. 6 Aktive erhielten am nächsten Tag die Note 5 einer deutschen Boulevard-Zeitung, der Rest kam mit der Note 4 auch nicht sehr viel besser weg. Schalke stand am Abgrund und Keeper Toni Schumacher war fuchsteufelswild, denn eine derart sportliche Watschn hatte der damals 34-jährige bisher noch nicht erlebt.

Abschiede und Abstiege

Vize-Meister FC Bayern München (hinter dem SV Werder Bremen) verabschiedeten am Ende der Saison 1987/88 Andreas Brehme und Lothar Matthäus in Richtung Inter Mailand, sowie Jean-Marie Pfaff und Norbert Eder. Der FC Schalke 04 stieg als abgeschlagenes Schlusslicht und einer Tordifferenz von Minus 36 in die 2. Deutsche Bundesliga ab. Olaf Thon, der den Ruf besaß, der letzte Deutsche Straßenfußballer zu sein, wechselte vom Ruhrpott nach München zu den Bayern und Torhüter Toni Schumacher setzte seine Karriere in der Türkei fort. Und auch der SK VÖEST Linz stieg zum Ende der Saison 1987/88 nach 19 Jahren im Oberhaus und einem 0 : 3 bei Austria Klagenfurt aus der 1. Division ab. Die Reisen zu den diversesten Fußballspielen hielten jedoch – bis heute – an.

Quelle: oepb

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