650 Jahre Österreichische Nationalbibliothek

Generaldirektorin Dr. Johanna Rachinger mit dem Evangeliar des Johannes von Troppau im Prunksaal. Foto: Sabine Hauswirth/Österreichische Nationalbibliothek

Generaldirektorin Dr. Johanna Rachinger mit dem Evangeliar des Johannes von Troppau im Prunksaal. Foto: Sabine Hauswirth/Österreichische Nationalbibliothek

Die Österreichische Nationalbibliothek / kurz ÖNB begeht 2018 ihr 650-jähriges Jubiläum. Sie ist damit eine der ältesten und bedeutendsten Gedächtnisinstitutionen dieses Landes. Als Vermittlerin zwischen Vergangenheit und Zukunft stellt sie ihren Geburtstag unter das Motto „Unsere Geschichte lebt“ und bietet im Jubiläumsjahr ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm mit Ausstellungen, Konzerten, Lesungen, Vorträgen, Filmvorführungen und zahlreichen Aktionstagen.

Aus diesem Anlass ist auch ihr „Gründungscodex“ aus dem Jahr 1368 – das in Gold geschriebene, reich illustrierte Evangeliar des Johannes von Troppau – erstmals digitalisiert über die Website abrufbar.

Die eigens konzipierte ÖNB-App bringt das Jubiläumsprogramm direkt aufs Smartphone, bis 28. Februar 2018 bekommt man mit dieser App zudem ermäßigten Eintritt in alle Museen der Österreichischen Nationalbibliothek.

Einstimmen auf das Jubiläum kann man sich bereits am 1. Jänner 2018 beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Wenn im Musikvereinssaal der Walzer „Wiener Fresken“ von Josef Strauss erklingt, wird der ORF seinem Millionenpublikum auf der ganzen Welt beeindruckende Bilder aus dem Prunksaal und dem Literaturmuseum zuspielen.

Schatzkammer des Wissens

Der Veranstaltungsreigen beginnt mit der großen Jubiläumsausstellung „Schatzkammer des Wissens. 650 Jahre Österreichische Nationalbibliothek“. Ab 26. Jänner 2018 ist sie im Prunksaal zu sehen und präsentiert 650 Jahre Kultur- und Bibliotheksgeschichte, wie sie kaum eine andere Bibliothek zu erzählen weiß. Sie führt von den Anfängen der kaiserlichen Hofbibliothek über die Nationalbibliothek der 1. Republik und die dunklen Zeiten des 2. Weltkriegs bis in die unmittelbare Gegenwart und ist so zugleich auch ein Rundgang durch die politische Geschichte Österreichs. Durch die Ende des 19. Jahrhunderts in die Bibliothek aufgenommene Papyrussammlung Erzherzog Rainers ist die Schau zugleich ein Streifzug durch die Mediengeschichte, die vor über 3.000 Jahren im Ägypten der Pharaonen beginnt und mit einem Blick in die digitale Zukunft des Wissens endet.

Über 170 außergewöhnliche Objekte der Bibliothek – Prachthandschriften und wertvolle Frühdrucke, kostbare Musiknoten und Landkarten, ebenso wie Fotos und Grafiken – werden bis 13. Jänner 2019 im Prunksaal zu sehen sein.

Jubiläumsdesign 650 Jahre Österreichische Nationalbibliothek. Foto: Österreichische Nationalbibliothek/Hloch, Jubiläumsdesign: KTHE

Jubiläumsdesign 650 Jahre Österreichische Nationalbibliothek. Foto: Österreichische Nationalbibliothek/Hloch, Jubiläumsdesign: KTHE

Objekt des Monats

Begleitet wird diese Jubiläumsausstellung das ganze Jahr hindurch von der Veranstaltungsreihe „Objekt des Monats“: Zwölf Präsentationen von ExpertInnen des Hauses bringen jene Kostbarkeiten näher, die aus konservatorischen Gründen nur höchst selten das Licht der Öffentlichkeit erblicken und daher auch nur für jeweils einen Monat im Prunksaal zu sehen sein werden. Darunter etwa MozartsRequiem“, die berühmte Gutenberg-Bibel, das handschriftlich korrigierte Typoskript von Ingeborg Bachmanns Gedicht „Böhmen liegt am Meer“ – und das Evangeliar des Johannes von Troppau.

Ganz in Gold geschrieben, mit aufwändigem Bildschmuck versehen und von einem Prachteinband umgeben, zählt diese Handschrift zu den wertvollsten Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek. Am Ende der insgesamt 189 Pergamentblätter, die alle vier Evangelien des Neuen Testaments versammeln, führt der Schreiber und Buchmaler nicht nur seinen Namen und seine kirchlichen Ämter an, sondern auch das Jahr, in dem er das Werk vollendet hat: 1368. Vermutlich wurde das Evangeliar im Auftrag von Herzog Albrecht III. von Österreich geschaffen. Die herausragende Bedeutung dieser Handschrift, die repräsentativ für die Anfänge der habsburgischen Büchersammlungen ist, begründet ihre Bezeichnung als „Gründungscodex“ der kaiserlichen Hofbibliothek und damit auch der Österreichischen Nationalbibliothek. Das digitalisierte Werk ist seit Kurzem aus Anlass des 650-Jahr-Jubiläums über den ” Onlinekatalog QuickSearch” abrufbar.

Festakt, Open House und Filmreihe im Frühjahr und Sommer

Am 22. Februar 2018 findet der große Festakt zum Jubiläum statt: In Anwesenheit von Bundespräsident Dr. Alexander Van der Bellen wird Universitätsprofessorin Dr. Aleida Assmann den Festvortrag halten: Die renommierte Literatur- und Kulturwissenschaftlerin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themen kulturelles Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen.

Am 6. Mai 2018 heißt es dann Türen und Tore auf. Beim „Open House“ bieten alle Standorte der Österreichsichen Nationalbibliothek – die Lesesäle am Heldenplatz sowie alle musealen Bereiche – bei freiem Eintritt einen Blick hinter die Kulissen der größten Bibliothek dieses Landes. Zudem gibt es eine Lesung mit der Schauspielerin und Autorin Ulrike Beimpold, Themenführungen wie „Six Feet Under“ und ein umfangreiches Kinderprogramm. Beim Gewinnspiel winken als Preise unter anderem ein Memo-Spiel mit Bildmotiven der Bibliothek und das Bilderbuch „Ein Adler, ein Stern und viele Bücher“ von Heinz Janisch und Birgit Antoni, das exklusiv für das Jubiläum geschaffen wurde.

Cineasten können sich auf „Die Bibliothek im Film“ freuen: Von 7. bis 17. Juni 2018 zeigt die Österreichische Nationalbibliothek in Kooperation mit dem Filmarchiv Austria elf Filme, in denen Bücher und Bibliotheken eine wichtige Rolle spielen: Klassiker zum Wiederentdeckten wie „Fahrenheit 451“ und „Der Name der Rose“ stehen dabei ebenso auf der Liste des METRO Kinokulturhauses wie Dokus („Die Weisheit baut sich ein Haus“) und Komödien („You’re a big boy now“).

Requiem, Wolfgang Amadeus Mozart, 1791. Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Requiem, Wolfgang Amadeus Mozart, 1791. Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Symposium, „Österreich liest“ und Festkonzert im Herbst und Winter

Das Herbstprogramm eröffnet ein wissenschaftliches Symposium zur Zukunft der Bibliothek: „Bibliothek neu denken. Von der historischen Bibliothek zur Bibliothek der Zukunft“. Am 24. und 25. September 2018 diskutieren nationale und internationale ExpertInnen über gegenwärtige und zukünftige Aufgaben von Bibliotheken. Wie lassen sich die Anliegen der Forschung und ihr Wunsch nach „Räumen der Stille“ mit den Notwendigkeiten von offenen Begegnungszentren einer multimedial ausgerichteten Wissens- und Informationsgesellschaft verbinden? Welche neuen Kontexte ergeben sich durch Digitalisierung und moderne Bibliotheksbauten? Wie lassen sich der Ausbau der Sammlungsbestände und deren museale Präsentation auch in Zukunft sicherstellen?

Österreich liest. Treffpunkt Bibliothek“ ist seit vielen Jahren das größte Literaturfestival des Landes. Organisiert vom Büchereiverband Österreichs, findet die feierliche Eröffnung 2018 aus Anlass des Jubiläumsjahres in der Österreichischen Nationalbibliothek statt. Die Bibliothek und das Literaturmuseum bieten dann von 16. bis 21. Oktober 2018 zahlreiche Veranstaltungen – vom Workshop in der Buchbinderei über die Themenführung „Alban Berg und die Literatur“ bis zur Vorlesung des Psychiaters und Schriftstellers Paulus Hochgatterer zur österreichischen Literatur.

Den krönenden Abschluss des Jubiläumsjahres bildet schließlich das Festkonzert in der Augustinerkirche: Am 22. November 2018 erklingt Anton BrucknersMesse in f-Moll für Soli, vierstimmigen gemischten Chor und Orchester“ an jenem Ort, an dem der Meister selbst 1872 die Uraufführung dirigiert hat. Die Original-Partitur der Messe wird im größten Bruckner-Archiv der Welt verwahrt – in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek.

App, Münze und Cocktail

Zusätzlich zu diesem dichten Jubiläumsprogramm finden natürlich auch die regulären Veranstaltungsreihen statt: Der Musiksalon präsentiert sechs moderierte Konzertabende, die von Joseph Haydns Kaiserhymne „Gott erhalte“ bis zum Porträt der 1963 geborenen Komponistin Katharina Klement ein zeitlich und thematisch breites Feld abdecken. Das Literaturmuseum lädt 2018 gleich zu zwei literarischen Soireen mit Ö1 ein, der Philosoph Konrad Paul Liessmann referiert über die österreichische Literatur, die Journalistin Elfriede Hammerl spricht am Internationalen Frauentag über 100 Jahre Frauenwahlrecht und der Autor Josef Haslinger erinnert in einem Archivgespräch an den Skandal rund um die Uraufführung von Thomas BernhardsHeldenplatz“ vor 30 Jahren.

Deckenfresko des Prunksaals, Daniel Gran, 1730. Foto: Image by Google

Deckenfresko des Prunksaals, Daniel Gran, 1730. Foto: Image by Google

Den vollständigen Überblick über all diese Veranstaltungen bietet 2018 nicht nur die Website der Österreichischen Nationalbibliothek, sondern auch die gemeinsam mit Tailored Apps entwickelte ÖNB-App. In ihr gibt es eine Timeline, mit der man die 650-jährige Geschichte der Bibliothek Revue passieren lassen kann, einen kostenlosen Audioguide für den Prunksaal auf Deutsch und Englisch und vieles mehr. Mit der App erhält man außerdem bis 28. Februar 2018 ermäßigten Eintritt in den Prunksaal und alle Museen der Österreichischen Nationalbibliothek. Die ÖNB-App selbst ist seit 15. Dezember 2017 kostenlos für iOS und Android verfügbar.

Begleitet wird das Jubiläumsjahr von der Münze Österreich AG, die sich bei der Gestaltung der Neujahrsmünze vom Evangeliar des Johannes von Troppau inspirieren ließ, und von der Österreichischen Post, die im Mai 2018 eine eigene Sonderbriefmarke herausbringen wird. Auch im ORF wird das Jubiläum Thema sein, etwa wenn Sepp Forcher für eine Ausgabe seiner erfolgreichen ORF-Serie „Klingendes Österreich“ auch Station am Josefsplatz macht.

Das Jubiläumsdesign, das sich auf allen Jubiläumsdrucksorten, im ÖNB-Magazin, auf der Selfie-Wand, der Straßenbahnwerbung und in den ORF-Fernsehspots findet, wurde gemeinsam mit der Agentur Kobza and the Hungry Eyes (KTHE) entwickelt: Duch die Kombination historischer, „klassischer“ Bildmotive mit Emojis, wie sie in der modernen Online-Kommunikation verwendet werden, bringt es das Jubiläumsmotto „Unsere Geschichte lebt“ perfekt auf den Punkt.

Ausstellungen, Austrian Books Online und mehr

Eine besondere Kooperation im Jubiläumsjahr stellt „Mozarts Weg in die Unsterblichkeit. Das Genie und die Nachwelt“ dar. Mit dieser Ausstellung ist die Österreichische Nationalbibliothek ab 16. Februar 2018 Gast im Mozarthaus Vienna und präsentiert dort bemerkenswerte Objekte aus ihren Beständen. Gedichte, Bilder, Hommagen und Werkausgaben zeigen, wie aus dem begnadeten Komponisten schon bald nach seinem Tod ein überragendes Genie mit Weltgeltung wurde.

Evangeliar des Johannes von Troppau, 1368. Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Evangeliar des Johannes von Troppau, 1368. Foto: Österreichische
Nationalbibliothek

Ab 22. März 2018 präsentiert das Literaturmuseum die neue Sonderausstellung „Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl. Zentralfiguren der Wiener Moderne“. Um 1900 war Wien das schillernde Zentrum zahlreicher geistiger und kultureller Strömungen, die bis heute nichts von ihrer Faszination verloren haben. Die Schau macht die familiären, künstlerischen und gesellschaftlichen Netzwerke von damals sichtbar. Zum Teil noch nie gezeigte Bilder und Dokumente – darunter Objeke aus dem philosophischen Nachlass Ludwig Wittgensteins, der 2017 in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen wurde – vermitteln einen lebendigen Eindruck vom Leben und Denken in der „Versuchsstation des Weltuntergangs“ (Zitat Karl Kraus).

Neu ist der große Multi-Touch-Screen, der ab 19. Dezember 2017 im Einsatz sein wird: Über ihn können alle BesucherInnen des Prunksaals in eine Gigapixel-Aufnahme des berühmten Kuppelfreskos zoomen und faszinierende Details erkunden, die bislang nur der Künstler Daniel Gran selbst gesehen hat. Darüber hinaus bietet der Screen erstmals die Möglichkeit, schnell und einfach Informationen zu den einzelnen Figurengruppen und zu ausgewählten Zeichen und Symbolen abzurufen, was völlig neue Zugänge zu diesem barocken Kunstwerk eröffnet. Die Besonderheit dabei: Alle Informationen liegen sowohl in Deutsch und Englisch, als auch im barocken Deutsch jenes Bildprogramms aus dem 18. Jahrhundert vor, das die Textgrundlage für Daniel Grans imposantes Werk darstellte.

Im Jahr 2018 wird das Projekt Austrian Books Online (ABO) abgeschlossen sein – ein Meilenstein in der Demokratisierung des Wissens. Seit dem Frühjahr 2011 wird im Rahmen der Public-Private-Partnership mit Google der historische urheberrechtsfreie Buchbestand im Umfang von rund 600.000 Werken digitalisiert und im Volltext durchsuchbar gemacht. Neben deutschsprachigen Werken besitzt die Österreichische Nationalbibliothek umfangreiche Bestände in anderen Sprachen wie Tschechisch, Ungarisch, Polnisch, Französisch, Italienisch und Latein, die im Rahmen des ABO-Projekts einem weltweiten Publikum zugänglich gemacht werden. Seit Dezember 2016 ist bereits der komplette Buchbestand des Prunksaals digitalisiert und online zugänglich, unter dem sich einmalige kulturelle Schätze wie die Privatbibliothek des Prinzen Eugen befinden.

Nachdem die Österreichische Nationalbibliothek 2016 ihre erste Crowdfunding-Aktion anlässlich des 300. Geburtstags von Maria Theresia erfolgreich umsetzen konnte, wird sie 2018 ihr erstes Crowdsourcing-Projekt starten: Dazu wird eine Sammlung von historischen topographischen Luftbildern auf ein eigens konzipiertes Webportal gestellt, auf dem alle Interessierten diese Bilder online beschreiben und auf einer Landkarte verorten können. Die Erschließung mit Hilfe der Crowd stellt eine neue Partnerschaften zwischen der Bibliothek und ihren UserInnen dar. Gleichzeitig wird das Crowdsourcing wichtige Erkenntnisse für zukünftige Projekte liefern – getreu dem Jubiläumsmotto „Unsere Geschichte lebt“.

www.onb.ac.at

 

Anton BrucknersMesse in f-Moll für Soli, vierstimmigen gemischten Chor und Orchester

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