26. April 1986 / Die Atomkatastrophe in Tschernobyl

Der Kontrollraum von Reaktor 4 im AKW Tschernobyl. An diesen Pulten nahm das Unglück seinen Lauf. Hier wurden die Entscheidungen getroffen und die Knöpfe gedrückt, die schlussendlich zur Explosion des Reaktors führten. Die lila Farbe kommt von der Dekontaminationsflüssigkeit, die hier zur Reduktion der Strahlenbelastung verwendet wurde. Foto: © Ronald Verant

Der Kontrollraum von Reaktor 4 im AKW Tschernobyl. An diesen Pulten nahm das Unglück seinen Lauf. Hier wurden die Entscheidungen getroffen und die Knöpfe gedrückt, die schlussendlich zur Explosion des Reaktors führten. Die lila Farbe kommt von der Dekontaminationsflüssigkeit, die hier zur Reduktion der Strahlenbelastung verwendet wurde. Foto: © Ronald Verant

Ausgangsbeschränkungen! Ein Wort, das in Österreich nach 1945 nun wieder im März 2020 aufgrund der Corona-Krise salonfähig wurde. Dennoch ist – wie so vieles im Leben – alles schon einmal da gewesen.

Den älteren Mitbürgern unter uns ist der Frühling 1986 sicherlich noch in lebhafter Erinnerung. Seinerzeit war das Wetter ähnlich vorsommerlich und herrlich warm wie derzeit und auch damals wurde den Eltern angeraten, ihre Kinder nicht draußen spielen zu lassen. Es war wohlgemerkt ein Rat, kein Verbot.

Doch wie kam es eigentlich dazu? Ein Rückblick im Zeitraffer;

Freitag, 25. April 1986:

Im Block 4 des Atomkraftwerkes von Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion – heutige Ukraine – wurde aufgrund der bevorstehenden und  jährlich stattfindenden Revision die Kapazität langsam gedrosselt. Aufgrund dieses Umstandes plante man ein Experiment an einem der beiden Turbinengeneratoren: Man wollte untersuchen, wie sich ein etwaiger Stromausfall auf den Verlauf des weiteren Reaktorbetriebes auswirken würde und ob die Rotationsenergie des auslaufenden Generators zur Notstromerzeugung genutzt werden könnte. Was folgte war der Super-GAU.

Der Vorführungssaal der Schule für Kunst und Musik in Prypjat. Der Flügel eines britischen Klavierherstellers steht seit dem Unglück von 1986 an derselben Stelle auf der Bühne und verfällt mit dem Gebäude. Foto: © Ronald Verant

Der Vorführungssaal der Schule für Kunst und Musik in Prypjat. Der Flügel eines britischen Klavierherstellers steht seit dem Unglück von 1986 an derselben Stelle auf der Bühne und verfällt zusehends mit dem Gebäude. Foto: © Ronald Verant

Samstag, 26. April 1986:

Niemand ahnte, dass sich nun aufgrund eines Experimentes die größte Nuklearkatastrophe der Menschheitsgeschichte ereignen würde. Es war 01:23 Uhr: Der Test begann durch das Schließen der Turbinenschnellschlussventile. Der Wasserzufluss im Reaktor verringerte sich drastisch und die Leistung des Reaktors stieg rasant an. Eine unkontrollierte Kettenreaktion setzte ein. Der Schichtleiter löste instinktiv von Hand die Notabschaltung des Reaktors aus. Dazu müssen alle aus dem Kern entfernten Steuerstäbe wieder in den Reaktor eingefahren werden. Durch die an den Spitzen der Stäbe befestigten Graphitblöcke dringt der Stab tiefer in den Kern ein. Binnen kürzester Zeit überschritt die Leistung das Hundertfache des Nennwertes. Die Brennelemente schmolzen dahin. Der größte anzunehmende und gefürchtete Unfall, der Super-Gau, trat ein. Kurz darauf folgten zwei Explosionen, die 1.000 Tonnen schwere Abdeckplatte des Reaktorkerns wurde gesprengt und das Dach des ganzen Gebäudes aufgerissen. Eine riesengroße Menge an radioaktiver Materie wurde freigesetzt.

Über 40 Mann versuchten nun den Brand zu löschen. Werks-Arbeiter, die die Brandbekämpfung nicht überleben werden. Schwarzer Ruß fiel wie Regen herab auf die Löschmannschaften. Was damals niemand ahnte: Der Ruß war radioaktiv. Sämtliche Arbeiter verstarben nur wenigen Wochen nach dem Reaktorunfall. Durch die Havarie in Tschernobyl wurde zirka 40 Mal so viel radioaktive Strahlung wie beispielsweise durch die beiden Atombomben von Hiroshima und Nagasaki im Jahre 1945 freigesetzt. Durch den sich langsam drehenden Wind begann die radioaktive Rauchwolke ihre Reise nach Nordwesten, ins Baltikum und Skandinavien, nach Westeuropa und nach Österreich.

04:30 Uhr: Der Schichtleiter meldete den Behörden, der Reaktor sei intakt und müsse nur gekühlt werden. Daher wurde die nur wenige Kilometer entfernte knapp 50.000 Einwohner Stadt Prypjat nicht evakuiert. Eine Fehlentscheidung, wie sich noch herausstellen sollte.

Das Riesenrad im berühmten Vergnügungspark von Prypjat. Der Park war als Geschenk der Stadt an ihre Bewohner gedacht gewesen und hätte am 1. Mai 1986 eröffnet werden sollen. Aufgrund des Unglücks vier Tage zuvor und der darauf folgenden Evakuierung der Stadt kam es nie dazu. Seither steht der fertig gebaute Vergnügungspark unberührt im Zentrum der Stadt und ist zu einem weithin bekannten Symbol der Tragödie der Stadt geworden. Foto: © Ronald Verant

Das Riesenrad im berühmten Vergnügungspark von Prypjat. Der Park war als Geschenk der Stadt an ihre Bewohner gedacht gewesen und hätte am 1. Mai 1986 eröffnet werden sollen. Aufgrund des Unglücks vier Tage zuvor und der darauf folgenden Evakuierung der Stadt kam es nie dazu. Seither steht der fertig gebaute Vergnügungspark unberührt im Zentrum der Stadt und ist zu einem weithin bekannten Symbol der Tragödie geworden. Foto: © Ronald Verant

Sonntag, 27. April 1986:

Die Blöcke 1 und 2 sind abgeschaltet. Über dem Reaktor Block 4 kreisten Hubschrauber und warfen Tonnen verschiedenartiger Materialien wie Dolomitgestein, Sand, Bleibarren und Lehm ab. Man wollte den Brand damit eindämmen und die weitere Freisetzung der Radioaktivität verringern. Erst jetzt, Zug um Zug, begann die Evakuierung der Stadt Prypjat. Sämtliche Wohngebiete in einer 30 Kilometer-Zone um Tschernobyl herum sollten nun geräumt werden. Betroffen davon waren an die 70 Ortschaften im Gebiet Kiew und im weißrussischen Gebiet Gomel. 85.0000 Menschen waren von der Evakuierung betroffen, die allesamt mit nur wenigen Armseligkeiten ausgestattet Hals über Kopf aus ihrer angestammten Heimat fliehen mussten.

Montag, 28. April 1986:

Im 1.200 Kilometer entfernten Kernkraftwerk Forsmark in Schweden wurde erhöhte Radioaktivität festgestellt und automatisch Alarm geschlagen. Da als Verursacher dafür die schwedischen Anlagen ausgeschlossen werden konnten, fiel der Verdacht auch aufgrund aktueller Windrichtung auf die Atomkraftwerke der UdSSR. Gleichzeitig wurde auch in Österreich und der Schweiz erhöhte Radioaktivität festgestellt. Wind und Regen beförderten die Radioaktivität nach Westeuropa, die Öffentlichkeit war alarmiert. Moskau jedoch wies jegliche Schuld von sich und bestritt einen Reaktorunfall. „Luft und Wasser rund um Kiew seien sauber, es bestehe keine Gefahr!“, so hieß es damals aus dem Kreml.

Dienstag, 29. April 1986:

Drei Tage nach dem Super-GAU wurde aus sowjetischen Kreisen von einer Katastrophe und von zwei Todesopfern berichtet. Tags darauf zeigte man im sowjetischen Fernsehen eine retuschierte Fotographie vom Unglücksort. Und auch nach einer Woche brannte der Reaktor immer noch. Zahlreiche Einsatzkräfte wurden zum Unglücksort gekarrt. Nur langsam funktionierte die Kühlung und die glühende Reaktormasse drohte den Beton zu schmelzen. Jeder eingesetzte Arbeiter hatte nur wenige Sekunden Zeit, um einige Schaufeln mit Schutt vom Dach des Atomkraftwerks zu schippen, die Strahlenbelastung war schlichtweg zu groß. In Summe wurden an die 400 Bergleute dazu abkommandiert, den Reaktor zu untertunneln. Damit wurde ein provisorisches Kühlsystem mit Stickstoff errichtet. 10 Tage nach dem Unfall, am 6. Mai 1986, geht die Freisetzung von Spaltprodukten zurück.

Erst zwei Wochen nach der Reaktorkatastrophe bezog Michail Gorbatschow in seiner Eigenschaft als Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion das erste Mal öffentlich Stellung zu dem Unfall. Er betonte in einem Interview im TV, dass es sich um ein außergewöhnliches Ereignis handle. Die Opfer der Katastrophe blieben jedoch unerwähnt. Viele Menschen, die als Feuerwehrleute die Brände im Atomkraftwerk löschen mussten, oder als Liquidatoren den Betonsarkophag um die explodierte Reaktorhalle bauten, starben sofort oder kurze Zeit nach ihrem Einsatz. Die anderen von den geschätzten 600.000 Menschen, die an den Aufräumarbeiten beteiligt waren, erkranken wenig später an Krebs.

Durch unterschiedliche Windrichtungen und Wetterbedingungen wurde radioaktives Material in einer Wolke über ganz Europa verteilt. Auf dem Boden entstand ein radioaktiver Fleckerlteppich, je nachdem wo sich das radioaktive Material abregnete. Der radioaktive Fallout ging am stärksten in Weißrussland, der Ukraine und Russland nieder, aber zur Hälfte auch im Rest von Europa. Die radioaktiven Niederschläge waren bis in die USA und Japan messbar.

Folgen von Tschernobyl für Österreich

Auch Österreich war 1986 und die Jahre danach durch den Unfall schwer belastet gewesen. Nach Weißrussland war Österreich mit 13 Prozent seiner Gesamtfläche weltweit am zweitstärksten von der hohen Cäsium-Belastung der Tschernobyl-Katastrophe betroffen, auch radioaktives Jod traf Österreich stark. Eine Studie zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Tschernobyl kam zu dem Schluss, dass für Österreich mit zusätzlich 1.600 Todesopfern aufgrund der Reaktorkatastrophe zu rechnen sei. Auch der Anstieg bestimmter Krebskrankheiten wie Leukämie oder Schilddrüsenkrebs lassen sich auf die Nuklearkatastrophe zurückführen.

Frei nach der gelebten österreichischen Einstellung und Gemütlichkeit, weder “einen Richter zu brauchen”, noch dass man es sich alles ohnehin “net zu haß machen sollte”, blicken wir doch alle gutgelaunt und frohen Mutes in unser aller Zukunft. Die Sorgen kommen ohnehin unaufgefordert und von selbst daher. “Glück auf!” Blick von einem einladenden Biergarten aus auf das nie in Betrieb gegangene österreichische AKW Zwentendorf an der Donau in Niederösterreich. Foto: © oepb

Frei nach der gelebten österreichischen Einstellung und Gemütlichkeit, weder “einen Richter zu brauchen”, noch dass man sich alles ohnehin “net zu haß machen sollte”, blicken wir doch alle gutgelaunt und frohen Mutes in unser aller Zukunft. Die Sorgen kommen ohnehin unaufgefordert und von selbst daher. “Glück auf!” Blick von einem einladenden Biergarten aus auf das nie in Betrieb gegangene österreichische AKW Zwentendorf an der Donau in Niederösterreich. Foto: © oepb

Neue Daten zeigten einen Anstieg von Schilddrüsenkrebsfällen auch in Österreich, ähnlich wie vergleichbare Studien in anderen Ländern. 8 bis 40 Prozent der erhöhten Schilddrüsenkrebs-Fällen in Österreich nach 1990 sind wahrscheinlich aufgrund der Tschernobyl-Katastrophe aufgetreten. Als Maßnahmen wurden in Österreich primär Kontrollen im Nahrungsmittelbereich gesetzt. Ein Verkaufsverbot für Grüngemüse, Schaf- und Ziegenmilch sowie Zisternenwasser wurde ausgesprochen. Außerdem gab es ein Importverbot für Nahrungsmittel aus hoch belasteten Agrarproduktionsländern, ein Verbot des Wildabschusses, sowie Fütterungspläne in der heimischen Landwirtschaft.

Auch hieß es damals, dass der Aufenthalt im Freien reduziert werden sollte. Kinder sollten nicht in der Wiese sitzen und spielen. Allerorts wurde permanent die Strahlenbelastung gemessen. Der „unsichtbare Feind“ schlich sich in unser aller Leben ein … nachhaltig!

Die Folgen von Tschernobyl

Die Stadt Prypjat wird auf hunderte Jahre hin unbewohnbar bleiben. Rund um den Reaktor befindet sich auch heute noch eine 30 Kilometer große Sperrzone, die streng bewacht wird. Insgesamt war ein Gebiet von mehr als 200.000 Quadratkilometer (in der heutigen Ukraine, Weißrussland, sowie Russland) stark betroffen. Mehr als 100.000 Menschen wurden umgesiedelt. Eine ganze Region wurde unbewohnbar. Einzig und allein die Natur setzt sich dort durch. Und auch die Tiere bevölkern Gegenden und „erobern“ Bereiche zurück, aus denen der Mensch abgezogen ist. „Zurück zum Ursprung!“, wenn man so will …

14 noch laufende Atomkraftwerke liegen in unmittelbarer Nähe rund um Österreich. Auch wenn bei uns keine Atomkraftwerke in Betrieb sind, so stellt jedes einzelne in Österreichs Umgebung ein großes Risiko dar, denn Radioaktivität kennt – wie man weiß – keine Landesgrenzen.

Quelle: GLOBAL 2000 / oepb

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