In Memoriam / Leben und Wirken von Al Jarreau

Al Jarreau – der Stimmakrobat – ist Jazz, weil er mit seiner Musik gleichermaßen Herz und Verstand bedient

Al Jarreau – der Stimmakrobat – ist Jazz, weil er mit seiner Musik gleichermaßen Herz und Verstand bedient

Wie zu Wochenbeginn bekannt wurde, verstarb am Sonntag, 12. Februar 2017 der vielfach preisgekrönte Jazz-Sänger Al Jarreau 76jährig in einem Krankenhaus in Los Angeles im US-Bundesstaat Kalifornien. Nur drei Tage zuvor hatte Al Jarreau seine Tournee abgesagt und das Ende seiner Karriere verkündet. Wenn man weiß, wie sehr dieser großartige Künstler die Musik gelebt und geliebt hatte, dann kann man sich wohl leicht ausrechnen, was der Canossa-Gang zur Verkündung seines Karriere-Endes für ihn bedeutet hat. Wir werden Mr. Al Jarreau sehr vermissen.

Noch im vergangenen November spielte er gemeinsam mit der NDR Bigband im Wiener Konzerthaus sein letztes Österreich-Konzert. Ein Grund mehr, hier auf die sagenhafte Karriere von Al Jarreau zurückzublicken, um einem der Größten der Musik-Welt ein stets ehrenvolles Andenken zu bewahren.

Al Jarreau sang bereits mit vier Jahren sein erstes Solo in der Kirche. Sein aus New Orleans stammender Vater – Emile Alphonse Jarreau – war Pfarrer in der „Seventh Day Adventist Church„ arbeitete aber während des Zweiten Weltkrieges in der Munitionsfabrik A.O. Smith, so dass Al seinen Vater nie in der Kirche predigen hörte, sondern immer nur zu Hause. Seine Mutter – Pearl Walker Jarreau – war Kirchenorganistin. Schon als Kind entdeckte Al Jarreau durch seine Brüder die Improvisation, als er mit diesen gemeinsam zu Hause sang..

1964 ging er nach sechs Monaten Dienstzeit in der Armeereserve nach San Francisco. Dort führte er eine Art Doppelleben. Dreimal pro Woche trat er abends in einem Club mit einem Trio auf, welches von dem damals noch gänzlich unbekannten George Duke geleitet wurde. Tagsüber arbeitet er als Rehabilitationshelfer im „California Division and Rehabilitation Center„, wo er Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen half, diese wieder ins Arbeitsleben mit einzugliedern. 1965 sang er als Student an Wochenenden unter anderem mit dem Joe Abodeely Trio in einem Club in Cedar Rapids, genannt „The Tender Trap„. Dort traf er auch auf den Saxophonisten J.R. Monterose, der ihm beibrachte, die Noten, welche für den Saxophonisten bestimmt waren, einfach zu singen beziehungsweise zu „scatten„. Ein Liveauftritt wurde mitgeschnitten, welcher später als Platte unter dem Titel „1965 – Al Jarreau„ beim „Bainbridge Label„ erschien, auf dem er so bekannte Standards wie „Sophisticated Lady„, „My Favourite Things„, „Come Rain or Shine„ oder „One Note Samba„ singt.

Mit dem brasilianischen Gitarristen Julio Martinez, den er 1968 kennen lernte, trat er im Duett im „Gatsby’s„ in Sausalito auf. In dieser Zeit entdeckte er auch seine Liebe zum Bossa Nova und entwickelte seinen speziellen Gesangsstil – den Gesang mit instrumentalen Sounds zu unterlegen.

Die Tätigkeit als Sozialarbeiter war eigentlich sein Traumberuf. 1969 entschied er sich jedoch ganz für die Musik und kündigte seine Arbeitsstelle, da ein Doppelleben auf Dauer einfach zu anstrengend war. Von Kind an wurde Al Jarreau durch den Jazz geprägt. Es war die Musik, die im Hause Jarreau ausgeübt und gehört wurde. Am Radio hörte Al Jazzgrößen wie Ella Fitzgerald, Jon Hendricks, Dizzy Gillespie, Illinois Jacquet und Nat King Cole. Schnelle, instrumental gedachte Melodien so zu singen, dass er zusätzlich auch noch die Botschaft und Bedeutung des Songs vermitteln könne, das alles habe er von Jon Hendricks gelernt. Musikalisch hat er zwischen Jon Hendricks und Johnny Mathis versucht, seine eigene Stimme zu finden. Textlich wurde er dagegen von Joni Mitchell, den Beatles, Marilyn Allen Bergman und Bob Dylan geprägt. Al Jarreau wurde durch den Scat-Gesang und den Bossa Nova und viele weitere Musikrichtungen beeinflusst. Er sagt selber: „So I’m really a product of a lot of different music. The whole American scene was an influence as a part of my past, but probably the jazz stuff was the most important.”

1975 trat er im Vorprogramm des Jazzpianisten Les McCann im Troubadour Club in Hollywood auf. Bei einem nachfolgenden Auftritt im „Bla Bla Cafe„ wurde er endlich von einem Warner Brothers Talentscout entdeckt und unterschrieb seinen ersten Plattenvertrag. Kurz darauf erschien seine erste Platte bei Warner: „We got By„. Er war damals bereits 35 Jahre alt. 1976 kam sein zweites Album heraus: „Glow„. 1977 wurden Ausschnitte von der Europa-Tournee auch auf die Platte Look to the Rainbow gepresst. Hier machte ihn vor allem die Liveversion von Dave Brubecks Klassiker „Take Five„ mit einem Schlag bekannt. Er erhielt den deutschen Schallplattenpreis für Nachwuchskünstler.

Al Jarreau begeisterte in Juli 2014 in der Wiener Staatsoper. Foto: oepb.at

Al Jarreau begeisterte im Juli 2014 in der Wiener Staatsoper sein zahlreiches Publikum. Foto: oepb

Auch in den USA wuchs seine Bekannt- und Beliebtheit. Im gleichen Jahr erhielt er dort den „Grammy„ als „Best Male Jazz Vocalist„. 1978 gewann er für „All Fly Home„ einen zweiten Grammy als „Best Jazz Vocal Performance„. 1980 erschien „This Time„. 1981 folgte „Breakin’ Away„ mit dem halsbrecherischen Song „(Round, Round, Round) Blue Rondo a la Turk„ von Dave Brubeck, der ihm seinen dritten Grammy als „Best Jazz Vocal Performance, Male„ und den vierten für die „Best Pop Vocal Performance, Male„ einbrachte.
1983 und 1984 erschienen die Alben „Jarreau„ und „High Crime„. 1985 wurde „Live in London„ im Wembley-Stadion vor Publikum aufgenommen. Außerdem sang er beim von Quincy Jones produzierten Welthit „We Are the World„ mit anderen bekannten Künstlern für das Projekt „USA for Africa„ der Afrika-Welthungerhilfe mit. 1986 erschien „L is for Lover„. 1987 intonierte er die Titelmelodie für die bekannte amerikanische Fernsehserie „Das Model und der Schnüffler„ mit Cybill Shepherd und Bruce Willis in den Hauptrollen und schrieb selbst den Text zur Musik von Lee Holdrige. 1988 erschien „Heart’s Horizon”.

1992 bekam er seinen fünften Grammy für sein Album „Heaven and Earth„ für die „Best R & B Performance, Male„. 1994 wurde „Tenderness„ auf einer kleinen Bühne in Los Angeles vor knapp 250 Zuschauern live eingespielt, produziert von Marcus Miller. 1996 folgte erstmal eine Tourpause, in der er drei Monate am Broadway in New York im Musical Grease die Rolle des „Teen Angel„ spielte. Ebenfalls folgten TV-Gastauftritte in den amerikanischen Serien „New York Undercover„ und „Touched by an Angel„ (Ein Hauch von Himmel). Außerdem erschien „Best of Al Jarreau„, eine Zusammenstellung seiner bekanntesten Hits. In den folgenden Jahren kam es zu keinen weiteren Veröffentlichungen, da Jarreau sich von seiner langjährigen Plattenfirma (Warner Brothers) trennte.

Er tourte weiter rund um den Globus. 2000 wurde sein Album „Tomorrow Today „ und neuer Plattenfirma bei Verve/Group veröffentlicht. 2002 erschien „All I Got„. 2004 löste er mit „Accentuate the Positive„ das langjährige Versprechen ein, endlich ein Jazzalbum herauszubringen, welches er mit einem Trio einspielte. 2006 veröffentlichte er mit „Givin’ It Up„ ein ganzes Album mit dem Jazz-Gitarristen und -Sänger George Benson. Im Jahr 2007 gewann er seinen sechsten Grammy für das Stück aus dem Album „God Bless the Child„ in der Kategorie „Best Traditional R & B Performance with Vocal„.

Über die Stimme
Joachim Ernst Berendt (war ein deutscher Musikjournalist und -produzent in der Musikgattung Jazz) beschreibt Jarreaus Stimme wie folgt:
Jarreau – singend, gurgelnd, mit der Zunge schnalzend, stöhnend, schreiend, flatternd, flüsternd, seufzend, knatternd – verfügt über ein Arsenal stimmlicher Möglichkeiten, das mit dem keines anderen männlichen Sängers vergleichbar ist. Jarreau ist ein Instrumentalist der Stimme, seine Musik kommt von instrumentalen Phrasen her. Seine Kehle bringt wirklich ein ganzes Orchester hervor: Schlagzeuge und Saxophone, Trompeten und Flöten, Congas und Bässe – aber das alles aus dem Mund eines einzigen Mannes, vom tiefsten Bass zum höchsten Flageolett, als ob dieser Mann über ein Dutzend oder mehr verschiedener männlicher oder weiblicher Stimmen verfüge.

Am frappantesten ist Al Jarreaus Flötenstimme. Dave Brubecks Klassiker „Take Five„, den Al Jarreau auf seinem Album „Look to the Rainbow„ gecovert hat, zeigt als gutes Beispiel seine Imitationskunst. Ebenso als echter Zungenbrecher auf dem „Breakin’-Away„-Album „Blue Rondo a la Turk„ oder Chick Coreas „Spain – I can recall„ (auf dem Album „This Time„ zu finden).

Preise und Auszeichnungen
2001 erhielt er als einer der besten Sänger seiner Generation einen goldenen Stern auf dem berühmten „Hollywood Walk of Fame„ in Los Angeles.

Grammy-Award-Auszeichnungen
1978 – Beste Gesangsdarbietung – Jazz, Look to the Rainbow
1979 – Beste Gesangsdarbietung – Jazz, All Fly Home
1981 – Beste Aufnahme für Kinder, In Harmony – A Sesame Street Record
1982 – Beste männliche Gesangsdarbietung – Pop, Breakin’ Away Beste männliche Gesangsdarbietung – Jazz, (Round, Round, Round) Blue Rondo a La Turk
1993 – Beste männliche Gesangsdarbietung – Rhythm and Blues, Heaven and Earth
2007 – Beste traditionelle Gesangsdarbietung – Rhythm and Blues, God Bless the Child, zusammen mit George Benson und Jill Scott
Bis heute ist er der einzige Künstler, der in diesen drei unterschiedlichen Musikrichtungen Grammy Awards bekommen hat: Jazz, Pop und Rhythm & Blues.

Alben
Wer Al Jarreau kennt, kann vermutlich viele Musiker einsparen. Denn der 77jährige Ausnahmekünstler erschafft allein mit seiner Stimme ganze Orchesterlandschaften. Da rumoren Schlagzeug, Congas und Bongo, es wummert der Bass und darüber säuselt ein Saxofon, nur um auf seinen warmen Gesang aufmerksam zu machen.

www.aljarreau.com

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