21. April 1944 / 75 Jahre KZ Melk

Blick auf den Appellplatz samt Lagerausgang. Man erkennt die Zaunanlage, die die Wohnbereiche von den Häftlingsbereichen abtrennte. Foto: Archiv/PiB3/Stadtarchiv Melk

Blick auf den Appellplatz samt Lagerausgang. Man erkennt die Zaunanlage, die die Wohnbereiche von den Häftlingsbereichen abtrennte. Foto: Archiv/PiB3/Stadtarchiv Melk

4.874 Tote klagen an! Während die einen darüber wohl die Stirn in Falten legen und sich fragen, wie man so ein makaberes „Jubiläum“ überhaupt erwähnen kann, werden andere dazu nur sagen: „Never forget!“

Das „Niemals vergessen“ ist ein wichtiger Bestandteil in der Aufarbeitung der jüngeren Geschichte der Republik Österreich, gerade was die dunklen Jahre zwischen dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland im März 1938 und dem Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945 bedeutet.

Heutzutage wissen ohnehin nur mehr die wenigsten – und das umso mehr, da lebende Zeitzeugen naturgemäß immer weniger werden – dass auf dem Gelände der Freiherr von Birago Pionier-Kaserne in Melk / Donau einst, vor nunmehr 75 Jahren, ein Konzentrationslager war.

Der Autor dieser Geschichte diente selbst beim Österreichischen Bundesheer in Melk. Er absolvierte seinen achtmonatigen Präsenzdienst in der Zeit von Jänner bis August 1991 beim 2.HPiB (Heeres-Pionier-Bataillon). Bereits damals, vor 28 Jahren, wurde während der Grundausbildung den jungen Rekruten von Oberwachtmeister Eberhard Kitzmüller die Geschichte des Standortes „KZ Melk“ sehr anschaulich näher gebracht. Im Rahmen einer ausführlichen Kasernen-Runde wurde auf die immer noch sichtbaren Hinweise, Monumente und Erinnerungsstücke verwiesen.

Diese Gedenktafel zur Kasernen-Errichtung in den Jahren 1912/13 hängt im Kommando-Gebäude der “Freiherr von Birago-Pionierkaserne Melk”. Foto: oepb

Diese Gedenktafel zur Kasernen-Errichtung in den Jahren 1912/13 hängt im Kommando-Gebäude der “Freiherr von Birago-Pionierkaserne Melk”. Foto: oepb

Ein haften gebliebenes Erlebnis, das bei genauerem Betrachten, niemals mehr losließ.

Als gebürtiger Linzer und Oberösterreicher war einem aufgrund des – heutzutage rückblickend doch sehr lückenhaften – Geschichtsunterrichtes das Konzentrationslager Mauthausen naturgemäß ein Begriff. Mit diesem wohl noch die Nebenlager Gusen und Ebensee. Ein Blick später in die Geschichtsbücher verriet, dass Außenlager des KZ Mauthausen in 5 Bundesländern waren, und sich diese sogar bis nach Passau in Bayern hinzogen.

Da fiel Melk, was den schulischen Geschichtsunterricht in den frühen 1980er Jahren anlangte, quasi kaum ins Gewicht. Man war demnach erstaunt und wissbegierig zugleich, als 20-jähriger Rekrut und Präsenzdiener zu erfahren, was sich im beschaulichen Stadterl Melk an der Donau in den Jahren 1944 und 1945 so alles zugetragen hatte.

Blick vom Kronbühel-Hügel, auf dem sich die Kaserne befindet, direkt hinüber zum Stift. Dazwischen und inmitten liegt die Stadtgemeinde Melk. Foto: oepb

Blick vom Kronbühel-Hügel, auf dem sich die Kaserne befindet, direkt hinüber zum Stift. Dazwischen und inmitten liegt die Stadtgemeinde Melk. Foto: oepb

Von der Entstehungs-Geschichte der Kaserne …

Die Geschichte der Freiherr von Birago Kaserne zu Melk geht bis in die ausgehende Monarchie zurück. Unmittelbar nach der Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert gelangte man zu der Erkenntnis, dass die österreichisch-ungarische k.u.k. Armee viel zu wenige technische Truppen aufweisen konnte. Die Neuaufstellung von wichtigen Pioniertruppen und deren Ausbildung war daher ein Gebot der Stunde. Und so wurden eben neue Garnisonen gesucht.

Das Landschaftsgebiet entlang des Donau-Stroms schien dafür, beispielsweise für die Wasserausbildung und den militärischen Brückenbau, geradezu prädestiniert. Und so war man in der Hauptstadt der Monarchie, nämlich Wien, höchst erfreut, dass die Stadtgemeinde Melk in Form des Bürgermeisters Carl Prinzl bereit war, den Baugrund für die Kaserne zur Verfügung zu stellen. In der zweiten Junihälfte des Jahres 1912 war es soweit, der Spatenstich am „Kronbühel“, vis-à-vis von Stift Melk, konnte erfolgen.

Unter dem Kommando von Major Franz Fiedler zogen am 8. Mai 1913 ab 9 Uhr die Soldaten als nunmehriges Pionierbataillon Nr. 9 in der Stadt Melk, die in Volksfeststimmung war, ein.

Das Objekt X diente 1944/45 den Häftlingen als Küchen- (Erdgeschoß) und Schlafbaracke (1. Stock). Foto: Foto: Archiv/PiB3/Stadtarchiv Melk

Das Objekt X diente 1944/45 den Häftlingen als Küchen- (Erdgeschoß) und Schlafbaracke (1. Stock). Foto: Archiv/PiB3/Stadtarchiv Melk

… hin zum Konzentrationslager Melk

Im Sommer 1943 – Stalingrad wurde von der Wehrmacht anlässlich des „Unternehmens Barbarossa“, wie der deutsche Angriff auf die Sowjetunion tituliert wurde, nicht eingenommen, die 6. Armee war aufgerieben, geschlagen und deren Reste befanden sich aufgrund der Kapitulation von Generaloberst Friedrich Paulus am Weg in russische Kriegsgefangenschaft – zeichnete sich die Kriegswende und spätere Niederlage Deutschlands bereits ab.

Darüber hinaus vernichteten bereits alliierte Bomberangriffe die kriegswichtigen Produktionsstätten in Wiener Neustadt, in Linz, in Steyr und dergleichen. Man ging demnach her und suchte nach geeigneten Räumlichkeiten, um eine unterirdische Verlagerung der weiteren kriegswichtigen Produktionen zu ermöglichen. Der Ausspruch Joseph Goebbels vom „Totalen Krieg“ im Februar 1943 war bereits geboren und die NS-Propaganda-Maschinerie trichterte der Bevölkerung den steten Glauben an den Endsieg ein.

Heute nützt das Bundesheer dieses Gebäude zur Aufbewahrung des Pionier-Gerätes, ebenso wie auch als Werkstätte. Darin, im 1. Stock, blieb die Zeit förmlich stehen. Der Geruch und das Ambiente lässt heutige Generationen innehalten und in Erfurcht erstarren. Foto: oepb

Heute nützt das Bundesheer dieses Gebäude zur Aufbewahrung des Pionier-Gerätes, ebenso wie auch als Werkstätte. Darin, im 1. Stock, blieb die Zeit förmlich stehen. Der Geruch und das Ambiente lässt heutige Generationen innehalten und in Erfurcht erstarren. Foto: oepb

So fand man im Bereich Roggendorf-Loosdorf in der Nähe der Stadt Melk den vorwiegend aus Sandstein bestehenden Wachberg. Just dorthin sollte das Wälzlagerwerk der Steyr-Daimler-Puch AG ausgelagert werden.

Das „Projekt Quarz“ war somit geboren und soweit gediehen, dass zu Beginn des Frühjahres 1944 die ersten Häftlinge des KZ Mauthausen nach Melk überstellt wurden. Die Zahl der jeden Monat überstellten Häftlinge stand in engem Zusammenhang mit dem Bauprojekt Quarz und der von verschiedenen Umständen abhängigen Lebenserwartung(en).

Das auf dem Kasernengelände heute noch präsente und original erhaltene Objekt X diente den Häftlingen als Schlafstätte. Hinzu kamen später einfach gezimmerte Unterkunfts-Baracken, die sich auf dem heutigen Sportplatz befanden. Wie in jedem anderen KZ, so führten auch in Melk Misshandlungen und Mangelernährung zu Krankheiten, die letzten Endes dann den vorzeitigen Tod der Häftlinge besiegelten.

³Arbeit macht frei², der NS-Leitspruch ist nach wie vor klar lesbar und präsent. Zahllose Häftlinge kamen hier in der Nacht nur schwer zur Ruhe oder verstarben aus Krankheits- und Schwächegründen. Foto: oepb

“Arbeit macht frei”, der NS-Leitspruch ist nach wie vor klar lesbar und präsent. Zahllose Häftlinge kamen hier in der Nacht nur schwer zur Ruhe oder verstarben aus Krankheits- und Schwächegründen. Foto: oepb

In der ersten Zeit wurden die Häftlinge zur Zwangsarbeit mit Lastautos zu den Arbeitsstellen gebracht, bis die eigens in Melk und Roggendorf gebauten Bahnrampen fertiggestellt waren und so ein Zug die Häftlinge zur Arbeit brachte. Ebenso trieben sadistisch veranlagte Wachmannschaften den Zug der Zwangsarbeiter, die im Dreischichtbetrieb eingesetzt waren, brutal aus der Kaserne durch die Abt-Karl-Straße hindurch zur Bahnrampe östlich des Melker Bahnhofes.

Das Projekt Quarz

Die nach den Plänen der SS und ziviler Baufirmen entworfene Stollenanlage Quarz, die im Wachberg zwischen Melk und Loosdorf errichtet werden sollte, war mit einer geplanten Produktionsfläche von mindestens 65.000 Quadratmetern für eine komplette unterirdische Fabrik, einschließlich Direktion und Verwaltung, gedacht. 2.300 Werkzeugmaschinen, 6.500 Arbeiterinnen und Arbeiter, sowie 700 Angestellte sollten darin Platz finden, um ihrer Arbeit nachzugehen.

Sechs, je knapp 500 Meter lange Stollen, sollten vom Norden in südwestlicher Richtung bis zum Ende des Hügels führen und das Grundgerüst bilden. Der Stollen A war mit einer Breite von knapp 10 Metern und einer Höhe von 8 Metern als unterirdischer Bahnhof gedacht. Dazwischen hätten 23 im rechten Winkel angelegte Produktionsstollen mit einer Länge von jeweils 462 Metern gegraben werden sollen. Dies alles zusammen wäre in der Lage gewesen, eine Produktionsanlage – von der Anlieferung der Rohstoffe bis hin zum fertigen Produkt – unter einem Höchstmaß an Schutz vor Luftangriffen zu bieten.

Blick in den Produktionsstollen 3 zum Thema ³Projekt Quarz². Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1988. Foto: Archiv/PiB3/Stadtarchiv Melk

Blick in den Produktionsstollen 3 zum Thema”Projekt Quarz”. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1988. Foto: Archiv/PiB3/Stadtarchiv Melk

Das Ende und die Befreiung

Das NS-Regime befahl „Verbrannte Erde“. Was soviel bedeutete wie, beim Rückzug alle Spuren zu verwischen, schier alles zu zerstören und sämtliche Häftlinge zu liquidieren. Gott Lob geschah sehr vieles davon nicht (mehr). Und dennoch – am 13. April 1945, dem Tag der Befreiung Wiens durch die Rote Armee (Sowjetunion), verlegte man ein Gruppe von zirka 2.000 Häftlingen mit der Bahn nach Ebensee, währenddessen eine zweite Gruppe mit etwa 2.400 Gefangenen zunächst in Frachtkähnen auf der Donau bis nach Linz transportiert wurde, um von dort aus zu Fuß !!! die gut 90 Kilometer ins Lager nach Ebensee zu marschieren.

Dass dabei eine große Menge an Verlusten zu beklagen war, versteht sich hier leider von selbst. Die Wachmannschaften leisteten ganze Arbeit und erschossen all jene, die einfach zu schwach waren und das Marschtempo nicht mehr mithalten konnten. Im Konzentrationslager Melk verweilten noch etwa 1.500 Häftlinge. Die Rote Armee näherte sich von Wien aus kommend sehr rasch St. Pölten und war somit dann nurmehr 20 Kilometer vom KZ Melk entfernt. Dieses wurde von den Sowjetrussen am 15. April 1945 endgültig geräumt. Im Anschluss daran wurde die Kaserne Melk von der russischen Besatzungsmacht übernommen und als Sammellager für Heimatvertriebene genutzt.

An ihn und sein Tun im Dienste an der Menschheit erinnert heute der Dr. Josef Sora-Platz in Melk. Foto: oepb

An ihn und sein Tun im Dienste an der Menschheit erinnert heute der Dr. Josef Sora-Platz in Melk. Foto: oepb

Zahlen und Fakten

Der pingelig genauen sprichwörtlichen „Deutschen Gründlichkeit“ ist es zu verdanken, dass über all das Geschehene genau Buch geführt wurde und die nackten Zahlen somit lauten:

Das KZ Melk existierte von 21. April 1944 bis 15. April 1945. In diesen 12 Monaten durchliefen zur Zwangsarbeit herangezogene 14.390 Häftlinge das Konzentrationslager. Melk war somit eines der größten Außenlager des KZ-Mauthausen und das größte Außenlager im Bundesland Niederösterreich.

Die Häftlinge kamen auch 20 unterschiedlichen Ländern und arbeiteten hauptsächlich an der Errichtung einer unterirdischen Stollenanlage im Wachberg, der sich zwischen Melk und Loosdorf heute noch befindet. In den von den Häftlingen selbst errichteten Stollenanlagen wurden ab Spätherbst 1944 hauptsächlich Kugellager für die Steyr-Daimler-Puch AG hergestellt.

Die Zahl der Toten und bei der Ausübung der Zwangsarbeit ums Leben gekommenen Menschen ist mit 4.874 Personen dokumentiert. Über 3.500 Leichen wurden ab dem Herbst 1944 in einem direkt neben der Kaserne Melk – und heute noch als Mahnmal der Geschichte als KZ-Gedenkstätte Melk erhaltenes – errichteten Krematorium verbrannt.

Dr. Josef Sora war 1944/45 als Lagerarzt im KZ Melk tätig. Er galt als absoluter Menschenfreund. Foto: oepb/KZ Gedenkstätte Melk

Dr. Josef Sora war 1944/45 als Lagerarzt im KZ Melk tätig. Er galt als
absoluter Menschenfreund. Foto: oepb/KZ Gedenkstätte Melk

Josef Sora – KZ-Arzt und Menschenfreund

Dr. Josef Sora (* 16. März 1910 in Wien, † 2001 in Bad Ischl) studierte in Wien Medizin. Ab 1939 war er als Arzt tätig. Im Mai 1941 erfolgte für ihn die Einberufung zur Luftwaffe, Sora hatte im Anschluss daran unter anderem Einsätze beim Russland-Feldzug in der Sowjetunion. Im Juli 1944 wurde er über das SS-Hygiene-Institut zum Lagerarzt für das KZ Melk abkommandiert. Sora selbst gehörte weder der SS noch der NSDAP an. Als Luftwaffenarzt wurde er in das Lager Melk versetzt und wohnte dort auch mit seiner Familie. Im Lager selbst fand er nicht viele Möglichkeiten vor, dennoch nützte er jede Gelegenheit, den Häftlingen zu helfen und hatte so – nicht selten unter Gefährdung des eigenen sowie des Lebens seiner Familie – unzähligen Menschen das nackte (Über)Leben gerettet. Im April 1945 wurde auf seine entschiedene Initiative hin die Liquidierung aller Häftlinge verhindert. Es ist überliefert, dass die Russen somit keinen Anlass sahen, an der Stadt Melk Rache zu nehmen. Dr. Josef Sora war nach dem Krieg als Mediziner in der alten Kaiserstadt Ischl in Oberösterreich aktiv, in der er auch im Jahre 2001 verstarb.

Gedankengut heutzutage

Für uns Hinterbliebene und mit dem Segen der „späten Geburt“ ausgestatteten Generationen bleibt nach wie vor die unbeantwortete Frage im Raume stehen, wie es möglich war, dass Menschen, egal welcher Herkunft und Abstammung, zu derartigen Bestien wurden, sodass das NS-Regime ein ganzes Land – gemeint ist hier „nur“ Österreich – in den Jahren von 1938 bis 1945 derart in seinen Bann ziehen konnte, wie dies eben der Fall war.

Die "Freiherr von Birago Pionier-Kaserne" dient heute noch - 2019 - den Melker Pionieren. Und das seit über 100 Jahren. Foto: oepb

Die “Freiherr von Birago Pionier-Kaserne” dient heute noch – 2019 – den Melker Pionieren. Und das seit über 100 Jahren. Foto: oepb

Schüler, Studenten, Arbeiter, Angestellte, Studierte, ja sogar bis hinauf in die höchsten Offizierskreise von altem Adel abstammenden Personen – alle waren sie gebannt von der überzeugenden und schier fesselnden Suggestivkraft einiger weniger NS-Entscheidungsträger. Um es auf den Punkt zu bringen – einem einzigen kleinen Gefreiten (gemeint ist Adolf Hitler) gelang es, ganze Offiziers-Riegen mit seinen wahnhaften Ideen zu überzeugen. Ein Umstand, der sich wohl nie mehr aufklären lässt.

 

 

An dieser Stelle sei unser Dank dem Österreichischen Bundesheer, und hier dem Verein Melker Pioniere gewidmet, die in Form von Vizeleutnant Felix Höbarth aus der Kaserne Melk aktiv an den Recherchen zu diesem Artikel mitgeholfen haben.

Quelle: oepb / Vzlt. Felix Höbarth, Melker Pioniere

Wer mehr über die Geschichte der über 100-jährigen Melker Pioniere erfahren möchte, dem sei das Buch „1913-2013 – 100 Jahre Melker Pioniere / Geschichte und Geschichten“ wärmstens empfohlen. Ein lesenswerter und detailgetreuer Almanach über eine 100-jährige Leidenschaft, verbunden mit dem steten Dienst an und zum Wohle der Bevölkerung.

Direkt zu bestellen bitte hier;

www.melk-memorial.org

www.melker-pioniere.at

www.bundesheer.at

 

 

 

 

 

 

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