Ernst Happel / Vor 33 Jahren der letzte Titel für den HSV

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HSV-Trainer Ernst Happel mit dem DFB-Pokal anno 1987. Foto: privat

Ich muss alt und senil sein, wenn ich nach Österreich zurückkehre!“ – so ein bereits zu Lebzeiten legendäres Zitat von Ernst Happel (*1925, 1992). Nun, der Wiener Fußball „Wödmasta“ war weder senil noch alt, als er am 21. Juni 1987 seine Zelte nach einer sechsjährigen und überaus erfolgreichen Tätigkeit beim Hamburger SV abbrach, um nach Österreich und da ins geheiligte Land Tirol zu wechseln. Das Unternehmen Swarovski wollte aus dem FC Tirol ein europäisches Spitzen-Team formen und da kam der Wiener Star-Trainer dem Schmuck- und Kristall-Unternehmen aus Wattens gerade recht.

Kurios und traurig zugleich dabei war und ist, dass die große Zeit beim Hamburger Sport Verein / kurz HSV, garniert mit Titeln, Toren und Triumphen mit dem Abgang des Trainer-Fuchses Ernst Happel vor nunmehr 33 Jahren auch abrupt zu Ende gegangen war.

Jener Sieg nämlich, den der HSV mit dem Gewinn des DFB-Pokals am Samstag, 20. Juni 1987 anhand eines 3 : 1-Erfolges über die Stuttgarter Kickers im Olympiastadion zu Berlin erreicht hatte, war bis heute der letzte große Triumph der stolzen Hanseaten, denn bei näherer Betrachtung muss man feststellen, dass es von diesem Zeitpunkt an nur noch in Windeseile bergab ging.

Ernst Happel heuerte im Sommer 1981 in Hamburg an und holte sogleich in seinem ersten Bundesliga-Jahr mit den Hanseaten 1982 die Deutsche Meisterschaft. Man startete als Titelverteidiger in die Saison 1982/83 und wurde erneut Deutscher Fußballmeister. Ebenso 1983 gewann der HSV den Europapokal der Landesmeister (heutige Champions League) anhand eines 1 : 0-Finalerfolges in Athen über Juventus Turin.

1983/84 wurde der HSV Zweiter hinter dem VfB Stuttgart. Die Tordifferenz von  + 7 der Schwaben gegenüber den Hanseaten bei Punktegleichstand entschied für Stuttgart. Im Herbst 1984 dann die wohl größter Schmach. Anhand der 1. Hauptrunde im DFB-Pokal flog man am 1. September 1984 beim SC Geislingen mit 0 : 2 aus dem Bewerb. Angedichtete Abnützungserscheinungen zwischen Team und Trainer wischte Happel mürrisch vom Tisch.

1985 sprang der Fünfte, 1986 der Siebente Tabellenrang zum Saisonende heraus, ehe der HSV in der Spielzeit 1986/87 abermals Vize-Meister – hinter dem FC Bayern München – wurde und ins DFB-Pokalfinale einzog.

Dort traf man am Samstag, 20. Juni 1987 auf den Zweitligisten SV Stuttgarter Kickers. Zum dritten Mal in Folge wurde das DFB-Pokalfinale in Berlin ausgetragen und zum dritten Mal kamen über 70.000 Zuschauer. Berlin lag damals mit der Hertha im Clinch. Der „Vorzeigeklub“, gleichzeitig allerdings auch Berlins größtes Sorgenkind, war nur im Unterhaus vertreten und mit der SpVg Blau Weiß 90 Berlin stellte man den Absteiger aus der Bundesliga. „Das Deutsche Wembley boomt!“ – so der Slogan der Berliner Stadtväter, die sich jedoch just zum 750 Jahr-Jubiläum ein zugkräftigeres Endspiel gewünscht hätten. Doch die Kickers aus Stuttgart waren ein mehr als nur ebenbürtiger Gegner für den Hamburger SV.

„Die Stuttgarter haben hier und heute nichts zu verlieren, auf uns wartet ein hartes Stück Arbeit!“, so der Mannschaftskapitän Manfred Kaltz gebetsmühlenartig zu seinen Mitspielern. Ernst Happel ließ seinen „verlängerten Arm am grünen Rasen“ Kaltz nur machen, er „genoss“ das Spiel mehr oder minder von der Betreuerbank aus, gepaart mit seiner ihn auszeichnenden stoischen Ruhe.

Die kalte Dusche folgte. Dirk Kurtenbach brachte den Außenseiter in der 12. Minute in Führung. Doch der HSV schlug zurück – 1 : 1 in Minute 15 durch Dietmar Beisersdorfer. Dann passierte lange Zeit nichts. Auch nach 87 Minuten stand es 1 : 1. Die Schwaben mehr, die Hanseaten weniger – beinahe ein jeder rechnete bereits mit einer Verlängerung. Doch dann eine sehenswerte Kaltz-Banane, die direkt ins kurze Eck sauste. 2 : 1 für den Favoriten, der in der 90. Minute noch das 3 : 1 nachlegen konnte. Unglücksrabe Niels Schlotterbeck vollendete eine Frank Schmöller-Vorlage ins eigene Tor.

Es war vom HSV kein großes, aber ein letzten Ende erfolgreiches Spiel. Was am Schluss zählte, war der „Pott“, wie die Deutschen Nachbarn gerne zum gewonnenen Pokal-Häferl sagen.

Was folgte war die feierliche Pokalübergabe auf der Ehrentribüne des Berliner Olympiastadions vor ausverkauften 76.000 Zeitzeugen. Fast teilnahmslos, ganz weit hinten in der Reihe, mit einem beigen Sommeranzug samt dunklem Hemd ausgestattet nahm Ernst Happel die Gratulationen entgegen. So quasi getreu dem Motto, dass er es ohnehin gewusst hätte, dass ihn die Seinen in seinem letzten Spiel nicht im Stich lassen würden.

Thomas von Heesen, damaliger Spielgestalter im Mittelfeld und Jahrzehnte später selbst in Österreich in der Steiermark beim Kapfenberger SV als Trainer aktiv, erinnert sich: „Unser Trainer Happel hat sein letztes Spiel genauso gestaltet wie immer. Ruhig und ohne große Emotionen. Wie es jedoch in ihm drinnen aussah, das wussten wir nie. Nach unserem Erfolg hatte er sich kurz gefreut, war jedoch cool und unnahbar wie immer. Er ist auch keinem in die Arme gefallen, weil es ja doch sein letztes Spiel war. Er kam in die Kabine, wünschte uns einen schönen Urlaub, verabschiedete sich von jedem per Handschlag mit den Worten, dass wir schön feiern sollten. Aus – das war´s. Dann ist er gegangen und war weg. Auf der anschließenden Pokal-Party war er nicht mehr zugegen.“

Dies war so typisch für den Wiener Ernst Happel, der bei jedem seiner Vereine stets auch Erfolge verbuchen konnte. Dem kicker-sportmagazin gab er in der Ausgabe Nr. 52/26. Wo./22. 6. 1987 noch folgendes Interview:

Der DFB-Pokal bedeute für ihn, dass ihm dieser in seiner Sammlung noch gefehlt hatte. Am meisten ärgerte ihn anhand seiner sechsjährigen Tätigkeit beim HSV, dass er den Titel-Hattrick nicht geschafft hatte – siehe bitte weiter oben. 7 Tore trennten 1984 den VfB Stuttgart und den HSV. Und das Geld war bei ihm nie ausschlaggebend, denn mitnehmen ins Grab könne er es ohnehin nicht. Sechs Jahre bei einem Verein sind schlichtweg genug.

Und so schloss sich der Kreis von und mit Ernst Happel in und um den Hamburger Sport-Verein am 20. Juni 1987. Schade und traurig zugleich, denn mit dem Abgang des Wieners ging  auch die große Zeit des HSV zu Ende. Der FC Bayern München und der HSV – beide Vereine waren damals, 1987, sportlich wie wirtschaftlich auf einer Wellenlänge. Heute, über 30 Jahre später, sind beide Lichtjahre voneinander enttfernt.

Und Thomas von Heesen meint heute rückblickend zu damals: „Unser Titelgewinn wurde vom Großteil unserer Anhänger als Standardergebnis wahrgenomen. Ich weiß noch, dass beim Rathausempfang nur sehr wenige Menschen mit uns feiern wollten. Viele waren auch noch gar nicht aus dem damals noch geteilten Berlin zurück. Und … hätten wir seinerzeit alle gewusst, dass es beim HSV so lange nichts zu feiern gibt …“

Der HSV heute

Es brach im Altonaer Volkspark in HH-Bahrenfeld – und nicht nur dort – eine Welt zusammen, als der Hamburger Sport-Verein – nach zuvor 55 Jahren ununterbrochener Zugehörigkeit zur 1. Deutschen Bundesliga – im Frühling 2018 erstmals in seiner langen Geschichte in die 2. Bundesliga absteigen musste. Ein Liga-Wechsel des einstigen Dinos allerdings, der für viele nicht überraschend kam und sich über Jahre hindurch zuvor bereits akribisch abgezeichnet hatte. Wer allerdings nun dachte, dass die stolzen Hanseaten nun aus Fehlern der Vergangenheit lernen würden, um das ruhmreiche Nordsee-Flaggschiff HSV wieder flott zu bekommen, der irrte gewaltig. Ganz im Gegenteil, es hat aktuell den Anschein, dass man sich in Hamburg mit dem sportlichen Niedergang mehr und mehr angefreundet. Der Saisonstart in Liga 2 verlief stets fulminant, um dann in beiden Spielzeiten – 2018/19 und heuer erneut – zum Ende der Saison hin einzubrechen.

Aktuell liegt der HSV in der 2. Bundesliga nur mehr an der Vierten Stelle und es bedarf eines wahren Fußball-Wunders, sollte am letzten Spieltag zum kommenden Wochenende noch der Sprung auf den dritten Tabellenplatz gelingen, der zumindest zur Relegation gegen den Vorletzten der 1. Liga, derzeit Fortuna Düsseldorf, berechtigen würde. So „freut“ man sich beim HSV wohl auch in der kommenden Saison auf interessante Stadtderbys mit dem FC St. Pauli Hamburg, wenngleich auch hier der HSV nicht mehr der zwingende Favorit ist. Und obwohl an der Weser noch dem Untergang geweiht verzweifelt um das sportliche Überleben gerudert wird, so schaut es wohl ganz danach aus, dass das traditionsreiche Nord-Derby zwischen dem HSV und dem SV Werder Bremen im kommenden Jahr nur mehr in der 2. Liga steigen wird. Große Vereine werden „klein“ und die sogenannten Unterdogs bleiben oben. Beim 1. FSV Mainz 05 oder beim FC Augsburg wird seit über 10 Jahren im Oberhaus gut gearbeitet. Vorbilder, die auch für noch so stolze hanseatische Kaufleute durchaus dienlich sein sollten …

Quelle: oepb

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